Der Preis für die peinlichste Kostümierung geht auch dieses Jahr wieder an: Cro. Die Auszeichnung für die stimmigste Verschlüsselung der eigenen Persönlichkeit unter den Bedingungen einer digital verfassten Aufmerksamkeitsökonomie auch. Kann man das nicht einfacher sagen, bitte? So wie es Cro sagen würde, der Träger jener bescheuerten Pandamaske aus Latex?

Kann man nicht. Denn so wie es der Stuttgarter HipHopper artikulieren würde, wäre es Kunst, eine leichte, wie hingetwittert wirkende Rhetorik, die zugleich zeitdiagnostisch präzise und emotional vertrackt ist. Lyrik eben. Jeder große Rapper ist ein Dichter.

Warum ist der Pandamaskenmann nun eine angemessene Erscheinungsform des Künstlers? Und warum muss man über diesen Look noch einmal reden bei Carlo Waibel (so der bürgerliche Name von Cro), der sein neues Album Tru genannt hat, so wie true, Englisch für ehrlich, wahrhaftig, nur ohne e? Weil allein schon dieser Titel eine Pointe darstellt. Lässiger kann man einem Wahrheitsbegriff und seinem Geltungsanspruch nicht in die Parade fahren. Man lässt einen Buchstaben weg und hat eine Differenz (eine Différance, ha, ha!), von der sich Identitätslogiker nicht so schnell erholen werden. So tru. So wahr, so falsch.

Die Maske illustriert diese Wahrheitsskepsis perfekt. Ein Star, der wie Cro im Netz berühmt wurde – 2012 brach sein Hit Easy alle Klickrekorde; bis heute wurde das Video über 50 Millionen Mal gesehen –, dieser Star gehört in die Welt der Avatare, der Selbstverpuppungen per Algorithmus. Wie sehr verbürgt eine Physiognomie da noch biografische Wirklichkeit? Ein Cro mit Maske ist mehr Cro als einer ohne. Das wahre Gesicht? Nur ein weiterer Look, ein Anhängsel zur millionenfach beglaubigten Chiffre.

Verrätselung des Selbst, Spiel mit der Sprache und die Liebe, aus diesen Motiven hat Cro ein weiteres großartiges Werk geschaffen. Pop ist das führende Medium zur Klärung der romantischen Verhältnisse und das Netz der zeitgemäße Ort zur Neuaufstellung und -regulierung des Begehrens. Tru ist der musikalische Spiegel dieser Konstellation.

Die Libido muss sich zurechtfinden auf Dating-Sites und hochrüsten mit den einschlägigen Apps, aber – das ist der wertkonservative Zug dieser Lyrik – es gibt dort keine Erfüllung. Das führt zu Sarkasmus wie im Song 0711, einer Liebeserklärung an das Sprachprogramm Siri, oder zu wütender Melancholie wie im Stück Computiful. "Ich hab auf Tinder keinen Bock, ich mach das Internet kaputt", so spricht der Autor, dem die Tweets und Facebook-Posts im Mund zerfallen wie modrige Pilze. "Jeder folgt jedem, doch niemand sich selbst", heißt es im Lied 0711. "Wir wischen nach rechts, verlieben uns schnell, doch wissen schon jetzt, dass die Liebe nicht hält." Selten lagen Medienkritik und Psychokitsch so nah beieinander.