Ein Ingenieur entwirft eine Utopie, sie klingt klein, doch sie ist groß gedacht: Das Neue Dorf, so heißt das Buch des Wasserwirtschaftsexperten Ralf Otterpohl. Er entwirft darin das Dorf der Zukunft als ein produktives Paradies aus hundert "Minifarmen". Deren Eigentümer oder Pächter sind keineswegs alle Bauern, doch sie bauen eine Vielfalt von Nahrungsmitteln für sich selbst und für die nahe gelegene Stadt an. Auch was sie sonst noch brauchen, stellen sie weitgehend in Eigenregie her, handwerklich oder mit 3-D-Druckern. Oder sie arbeiten als Teilzeit-Dienstleister, die heilen, pflegen, warten, Versorgungsnetze betreiben. Otterpohls Buch ruft dazu auf, solche Dörfer als Orte "guten Lebens" zu gründen. Wie die Glieder einer Kette sollen sie "Gartenringe" rund um die lärmenden, abgasverschmutzten urbanen Konsumzonen bilden.

Viele werden eine solche Umkehrung der historischen Richtung gleich als romantisierend verwerfen: Stadtflucht statt Landflucht? Das war schon oft ein Traum von Außenseitern. Doch dieser Öko-Entwurf antwortet auf eine Vielzahl drängender Probleme. Und es ist nicht irgendjemand, der ihn sich ausgedacht hat: Ralf Otterpohl gilt weit über Deutschland hinaus als ein Pionier des Denkens in Systemen und Kreisläufen. An der Hamburger TU hat er sich mit Abwasserkonzepten einen Namen gemacht: Blind entsorgt unsere urbane Gesellschaft mit den menschlichen Exkrementen auch die darin enthaltenen Nährstoffe, shit happens. Gegen diese "Verschwendung" erfand Otterpohl mit Erfolg Lösungen, wie man die fruchtbaren Substanzen als Dünger einsetzen kann.

Mit der Arbeit am Gewässerschutz wuchs seine Aufmerksamkeit für den Boden. Dessen Filterfunktionen werden weltweit durch Überbauung und Übernutzung geschwächt. Der Autor warnt: Zivilisationen seien wiederholt daran zugrunde gegangen, dass sie nicht gelernt hätten, die Ressourcen klug zu bewirtschaften.

Die Wiederbelebung ausgelaugter Böden ist das wichtigste Ziel seines Neudorf-Projektes. Ausführlich schildert Otterpohl, wie ertragreiche Dauerkulturen, erweiterte Forstflächen und "Waldgärten" nicht nur den Aufbau der Humusschicht fördern. Sie könnten zugleich die Ernährung sichern, CO₂ und Wasser speichern, das Mikroklima kühlen und so die Folgen des Klimawandels abmildern.

Eine solche Regenerierung fordert enorme Anstrengungen, "daran müssen viele mitarbeiten", schreibt Otterpohl. Nur leben gerade in den ländlichen Regionen immer weniger Menschen, und Höfesterben und Abwanderung beschleunigen sich noch, wo es sich nicht mehr lohnt, Läden, Schulen, Busse und Bahnen zu betreiben. Die demografische Erosion sieht der Autor als "soziale und ökologische Zeitbombe, die letztlich auch die Städte zerstören könnte", und das in Industrie- wie in Entwicklungsländern. Mit seinen Gartengürteln will er die ruralen Strukturen rundum neu erfinden.

Damit folgt er einer im Wortsinn radikalen, also an die Wurzeln gehenden Definition von Nachhaltigkeit: "Die Natur trägt das Soziale, das die Wirtschaft trägt." Sie ist von der Maxime des Vordenkers Ernst Friedrich Schumacher geprägt: "Small is beautiful." Schumacher pries die lokale Wirtschaft, weil sie sich eher in die regional je besonderen Naturkreisläufe einbinden lasse, kulturelle Eigenart und Zusammenhalt fördere und lange Transportwege spare. Heute erleichtern es digitale Technologien, solche Vorteile dezentraler Produktions- und Versorgungsweisen zu erschließen.

Also hinaus aufs Land, ihr Städter, denen die Digitalisierung ohnehin die Jobs rauben könnte! Übernehmt die Höfe, die sonst aufgegeben werden, so appelliert Otterpohl an seine Leser, teilt sie in Gartenparzellen auf, und macht euch ans Buddeln! Gemeinderäte: Sorgt dafür, dass Zuwanderer die verfallenen Häuser nach ihren Bedürfnissen renovieren können! Verwaltungen: Helft mit Grundstücken! Banken: Schafft Kredite, die solche grünen Siedlungsprojekte möglich machen! Der Ingenieur erzählt von Beispielen aus aller Welt, die schon existieren: "Es gibt so viele tolle Wunderdörfer!"

Doch so klingt eine Begeisterung, die allzu oft ins Missionarische kippt – und das nervt. Dem Entflammten erscheinen Form und Genauigkeit seines Textes offenbar als Nebensache gegenüber der Größe des Unterfangens. Einige Passagen des Buches lesen sich wie Notizen aus Zettelkästen. Zahlenbelegen fehlt der Bezug, und manches ist schiere Schönfärberei. Dafür wird immer wieder gemusst und gesollt. Und vieles wird insiderhaft "natürlich" genannt, was Leser gar nicht so selbstverständlich finden.

Seit über 30 Jahren gebe es bereits die Ökodorfbewegung Global Ecovillage Network, "es wurde aber leider noch immer keine große Bewegung daraus", schreibt Otterpohl. Und warum nicht? Ist das Leben in den Konsumhöllen attraktiver, als der Autor glaubt? Macht Stadtflucht immer noch frei? Liegt es daran, dass Bauern ihr Familienerbe ungern an Gruppen abgeben, deren langer Atem sich als zu kurz erweist? Oder daran, dass Land heute kaum zu haben ist, weil es finanzstarken Konkurrenten als sichere Anlage gilt? Wer ficht die Interessenkämpfe um die Gemeinwohlverpflichtung des Eigentums aus – und wie?

Mit solchen Fragen setzt sich Otterpohl kaum auseinander. Stattdessen empfiehlt er den Neugründern, Alteingesessene ließen sich mit Kaffee und Kuchen gewinnen. Er warnt vor Weißweizenmehl, lobt esoterische Lehren und schildert das Gärtnerleben schlicht als Garantie für "strahlende Gesundheit bis ins hohe Alter" – böse Stadt, liebes Land; böse Industrie, liebes Selbermachen; böse Wissenschaft, liebes Wissen. Durchaus selbstironisch erzählt Otterpohl, Mitstreiter hätten ihm sanft zu verstehen gegeben, er solle lieber nicht so schwarz-weiß argumentieren. Dem Buch hätte das gutgetan.

Ralf Otterpohl: Das Neue Dorf. oekom Verlag, München 2017; 180 S., 20,– €