Wie frei ist ein Juror des Deutschen Buchpreises? Folgt er in der Wahl des besten Romans des Jahres wirklich allein seinem ästhetischen Gewissen oder nicht doch auch preispolitischem Proporzdenken? Besonders bei der Long- und Shortlist spielen solche Überlegungen oft eine Rolle: Ist das Verhältnis von Frauen und Männern ausgewogen? Hat man genügend Kleinverlage berücksichtigt? Auf keinen Fall dürfen nur durchgesetzte Autoren auf die Liste. Und wer schon so berühmt ist, dass er möglicherweise zur feierlichen Preisverleihung gar nicht antritt, scheidet sowieso aus – sollte also der beste Roman des Jahres von Peter Handke kommen, wird er es trotzdem nicht auf die Shortlist schaffen.

Der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 kann man nicht vorwerfen, Ergebnis von Proporzdenken zu sein. Mit Sasha Marianna Salzmanns Außer sich, Marion Poschmanns Die Kieferninseln und Robert Menasses Die Hauptstadt haben es gleich drei Suhrkamp-Autoren auf die Liste geschafft. Kleine Verlage? Fehlanzeige. Geschlechtergerecht ist die Liste auch nicht: vier Männer, zwei Frauen. Dafür haben alle sechs Titel ihre unverkennbare ästhetische Handschrift: Gerhard Falkner, ein Exzentriker, den Erzählkonventionen anöden, ist mit seinem Antiliebesroman Romeo oder Julia nominiert. Thomas Lehr, vielleicht einer der letzten radikalen Modernisten, dessen literarischer Erkenntnisdrang aufs Unbedingte geht, erzählt in Schlafende Sonne ein ganzes Jahrhundert in einem einzigen Tag. Franzobel wird gern als österreichischer Volksschriftsteller im besten Sinn apostrophiert; sein Floß der Medusa erzählt die historische Schiffsbruch-Tragödie als barock-bizarre Erzählwundertüte – vielleicht ein bisschen zu selbstbegeistert, um wirklich ganz geglückte Form zu sein. Wer wird am Ende das Rennen machen? Menasses Roman Hauptstadt ist witzig und virtuos; wie er das politische Funktionieren von Brüssel literarisch anschaulich macht, ist auf jeder Seite geistreich und erhellend, für einen wirklich großen Roman aber bleiben seine Figuren zu illustrativ und allegorisch. Daniel Kehlmann übrigens hat sich dem Buchpreis entzogen. Sein neuer Roman Tyll erscheint erst zwei Tage nach der Preisverleihung. Über wen wird wohl auf der Buchmesse mehr geredet: den Buchpreis-Gewinner oder Daniel Kehlmann?