Allerdings wirkt dieser Unsympath seltsamerweise nie völlig unsympathisch, womit wir bei den magischen Bereichen dieses Romans wären. Er trifft den Nerv unserer Zeit, weil er plastisch von scheinbar unüberwindbarer Fremdheit zwischen den Kulturen erzählt – und zugleich ebendiese Grenzziehung virtuos relativiert. Der Kaffeeländerfreund Gilbert stürzt sich ausdauernd in sein fernöstliches Abenteuer, von dem er einem fernen Über-Ich namens Mathilda regelmäßig in skurriler Nüchternheit berichtet. Gegen Ende seiner Pilgerfahrt offenbart sich dann die ganze Kunst von Marion Poschmann. Allmählich verschwimmen die Dinge, Yosa verschwindet – hatte es ihn überhaupt gegeben? Geister tauchen auf – ist das Buch eine Geistergeschichte? Spätestens bei den Kieferninseln dämmert einem, dass vielleicht alles ganz anders war, als es bislang schien. Auf leichte und unterhaltsame Art hat die Autorin somit ihren Lesern die allerschwerste ästhetische Frage – was ist wirklich an der Wirklichkeit? – untergejubelt. Träume einer Geisterseherin: Dank stilistischer Präzision und sprachlicher Fülle ist dabei ein kleines Meisterwerk entstanden.

Denkbar fern von Asien, mit Blick auf Ostsee und Rügen, umwandern wir jetzt den nördlichen Teil Vilms, eine Stunde durch vierhundert Jahre alte Buchenurwälder, vorbei an riesigen, monströs gewachsenen Eichen – zwangsläufig müssen hier Waldgeister spuken. Marion Poschmann nennt den Weg ironisch ihren "peripatetischen Wandelgang": "Wenn man ihn tagtäglich geht, dann sieht man auch das Sich-Wiederholende in neuem Licht. So wie ein Zen-Meister: Man vertieft sich immer mehr, und die Dinge erhalten ihr Geheimnis zurück." Sie selber hat 2014 mehrere Monate in Kyoto gelebt, es war für die Autorin ein ästhetisches Schlüsselerlebnis. Diese japanische Erfahrung floss bereits in ihren 2016 erschienenen, hoch gelobten Lyrikband Geliehene Landschaften ein, in dem übrigens ein Gedicht ebenfalls Die Kieferninseln hieß. Die Kunst der Betrachtung lebe in Japan von einem unpersönlichen Blick, erklärt Poschmann: Dieser werde eingeübt, um den Geist zu beruhigen und für die Erscheinungen frei zu werden. Seit Jahrtausenden wiederholen dort die großen Dichter die Betrachtung der klassisch schönen Landschaften – und man eifert ihnen nach. Im Stillen ergänzen wir: Nach Saigyo und Basho also nun Poschmann – mit westlichen Augen und ihrem eigenen Programm.

Die Autorin bekennt, sie wolle mit ihrem Roman zur "Uneindeutigkeit verleiten und schwebende Räume erzeugen". Sie sagt: "Literarisch interessiert mich: Was ist die Wirklichkeit? Welche Realität wird auch als real bewertet? Und ist nicht vieles oft rätselhafter, als es scheint?" Marion Poschmann wird vehement: "Das Uneindeutige ist eine zentrale Errungenschaft in der modernen Literatur! Eindeutiges ist doch meist trivial. Nur, leider gerät diese Einsicht zunehmend in Vergessenheit." Es bleibt erstaunlich, wie perfekt Poschmann ihr ästhetisches Programm in Kunst verwandeln kann. Genau deshalb ist sie mit ihren Gedichten und Romanen zu einer der zentralen Figuren der deutschen Gegenwartsliteratur geworden.

Beim Tee sitzen wir schließlich auf Honeckers Terrasse und reden, natürlich über Japan. Vor uns ein paar Schafe und weiter hinten jener Pfad, auf dem der Generalsekretär der SED einst zum Strand ging. In den Bäumen rauscht es, oder ist es das Meer? Auch auf der Insel Vilm soll es irgendwo noch Kiefern geben, angepflanzt vor Jahrzehnten. Aber wer weiß, vielleicht ist das nur ein anderer Kieferninseltraum.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Roman; Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 168 S., 20,– €