Nach den Übergriffen im schwäbischen Provinznest Schorndorf im Juli, unter anderem durch Menschen mit Migrationshintergrund, wetterte Jörg Meuthen im Landtag von Baden-Württemberg: "Für den gewalttätigen Mob sind unsere Töchter verfügbare Schlampen." – "Klare Worte", nannte das die Epoch Times und widmete der Rede des AfD-Fraktionsvorsitzenden einen ganzen Artikel. Kein einordnender Überblick über die Sicht der anderen Parteien, keine Gegenstimme – keine unnötigen Störgeräusche, die vom Helden der Geschichte ablenken könnten.

Die Epoch Times gehört zu einer Reihe von Alternativmedien, die im rechten Spektrum sehr beliebt sind. Daneben gibt es unter anderem das Magazin Compact, das politische Blog Politically Incorrect (PI-News), die Zeitung Junge Freiheit und den Kopp Verlag. Vor allem in Facebook-Gruppen, die der AfD oder Pegida nahestehen, werden die Beiträge und Artikel dieser Medien gerne geteilt.

Meist stehen hinter diesen Portalen rechtskonservative Überzeugungstäter. Bei der Epoch Times ist das vollkommen anders: Im Jahr 2000 wurde sie in New York von Mitgliedern der Falun-Gong-Bewegung gegründet, einer spirituellen Gruppe, die von der Kommunistischen Partei verfolgt wird, weil sie angeblich eine gefährliche Sekte, ein "böser Kult" sei. Die Falun-Gong-Aktivisten wollten den Westen über Menschenrechtsverletzungen der chinesischen Regierung aufklären. Seitdem erscheint die Epoch Times in 35 Ländern, in einigen als gedruckte Tageszeitung, in anderen als Online-Nachrichtenseite.

In ihren Anfangsjahren war die Epoch Times weniger ein journalistisches Medium als ein Kampagnenmagazin einzelner Politaktivisten: Ihre Berichterstattung wirkte oft einseitig, mit Hang zum Alarmismus und laxem Umgang mit Quellen. Dennoch wurde sie 2006 von der Nichtregierungsorganisation Internationale Gesellschaft für Menschenrechte mit dem Medien-Sonderpreis ausgezeichnet.

Regelmäßig warf das Medium der chinesischen Regierung einen angeblichen systematischen Organraub vor. Der amerikanische Ableger der Zeitung berichtete etwa im Jahr 2006 von einem Internierungslager in der Provinz Liaoling, in dem mehr als 6.000 Anhängern von Falun Gong bei lebendigem Leibe Nieren, Lebern, Herzen und Augen entnommen worden seien, um sie weiterzuverkaufen. Anschließend habe man die Leichname in Krematorien verbrannt – "nach Art der Nazis". Die Quellenlage dazu war allerdings dünn, selbst UN-Mitglieder und Regimekritiker, die in China recherchierten, konnten keine belastbaren Hinweise finden.

Pegida-Demonstrationen im Livestream

Inzwischen geht es auf der deutschen Internetseite der Epoch Times vor allem um Flüchtlinge und den Islam. 2015, als Hunderttausende Menschen nach Deutschland flohen und Zehntausende auf den Straßen von Dresden gegen sie protestierten, übertrug die Epoch Times Pegida-Demonstrationen im Livestream. Immer öfter wurden Artikel der Seite nun von den offiziellen AfD- und Pegida-Kanälen geteilt. Die Zugriffszahlen schossen in die Höhe, von weniger als einer Million um das Drei- bis Vierfache innerhalb eines Monats. Bis heute hat die Bedeutung der Epoch Times nicht mehr nachgelassen, im August 2017 verzeichnete die IVW, ein Verein, der die Auflagen von Werbeträgern kontrolliert, für die Seite fast vier Millionen Aufrufe – fast doppelt so viele wie der Internetauftritt der traditionellen Zeitung der Neuen Rechten, der Jungen Freiheit.

14 Autoren arbeiten heute für die deutsche Epoch Times, die ihren Sitz in Berlin-Charlottenburg hat. Der Geschäftsführer Manyan Ng war lange Zeit Vorsitzender des Falun-Gong-nahen Falun-Dafa-Vereins, die anderen Autoren sind weitestgehend unbekannt, teils Quereinsteiger, der Blick auf ihre Facebook-Profile lässt lediglich eine gewisse Faszination für die fernöstliche Kultur als gemeinsamen Nenner vermuten.

Auf den ersten Blick wirkt die Epoch Times gar nicht auffällig: Die meisten Artikel auf der Website sind Agenturmeldungen, etwa von der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Allerdings mit einer auffälligen Schwerpunktsetzung: Fast alles dreht sich um Migration, um die AfD und um Pegida. In der Rubrik "Epoch Blaulicht" werden Berichte über Kriminalität veröffentlicht – genauer: Kriminalität durch Ausländer. Durch diese Auswahl schafft es die Epoch Times, ein rechtes Publikum anzusprechen, ohne sich selbst klar zu positionieren.

Meist werden den Agenturmeldungen reißerische Überschriften vorangestellt. Ende August kam es beispielsweise bei der Räumung eines besetzten Hauses in Rom zu einer Auseinandersetzung zwischen Polizisten und Migranten. Unschöne Szenen, aber nicht ungewöhnlich. Nur vereinzelt wurde das Thema von den deutschen Medien aufgegriffen, zum Beispiel von der dpa. Die Epoch Times übernahm die Meldung und titelte: Mitten in Rom – Migranten liefern sich eine Straßenschlacht mit der Polizei. So wurde der Artikel zum Hit, die eigentlich polizeikritische dpa-Meldung wurde durch die Überschrift umgedeutet. Es funktionierte wie ein Trigger für die Ressentiments der Leser. In den Kommentarspalten entlud sich entsprechend die Wut.

So gelingt es der Epoch Times, mit wenig Aufwand eine maximale Reichweite zu erzielen. Ökonomisch gesehen eine sinnvolle Strategie: Geschäftsführer Manyan Ng erklärte gegenüber der Wirtschaftswoche, man habe lange Zeit Geld in das Medium gesteckt, das sich über Werbeanzeigen finanziert. Nun schreibe es schwarze Zahlen.