Ab Kurve sieben tanzen sie, mein Hirn und mein Magen. Sie beginnen langsam, schunkelnd, kommen dann aus dem Takt, geraten in wildes Schlingern. Kein Wunder: Ich stürze auf dem Fahrrad den Berg hinunter, eine der längsten Downhill-Radpisten Europas. Hunderte Schanzen, Nadelöhrkurven, reifenbreite Pfade. Die Federgabel seufzt. Mein Rad geht in die Knie. Das Hirn rumpelt gegen die Schädeldecke, der Magen gegen irgendwelche Eingeweide. Ich höre das Glucksen und Jauchzen meiner Kinder ein paar Windungen voraus und jage in die nächste Steilkurve. Geschwindigkeit stabilisiert. Ich beschleunige also weiter, gegen meinen Willen. Noch nie in meinem Leben war mir so schlecht.

Das also passiert, wenn man den Spieß umdreht. Wenn man sagt: Kinder, Schluss mit dem Urlaubsgemotze. Über lahmes WLAN, endlosen Stau, das falsche Wetter. Über zu viele Kirchen, Wespen, Museen und das elende Gewandere. Diesmal, liebe Kinder, entscheidet ihr. Wo es hingeht und wie. Was wir unternehmen, kaufen, essen. Wo wir schlafen und wie lange. Ihr bestimmt, organisiert, bucht. Bitte schön!

Es heißt doch: Für Eltern ist genau der Urlaub am erholsamsten, der den Kindern gefällt. Wurscht, wo und was. Warum also nicht gleich die Kinder machen lassen, habe ich mir gedacht. Und trotzdem: Kriegen die das wirklich hin? Was geschieht bei so einem Rollentausch mit uns? Und: Stimmt das mit der Erholung wirklich?

Als ich Lorenzo und Camilla vor fast vier Monaten in mein Urlaubskonzept einweihe, schauen sie erst mal ungläubig. Jetzt echt? Ich nicke. Wir machen das auch wirklich? Jep, eine Woche lang. Kurzes Schweigen. "Malediven", sagt Camilla. "Döner", sagt Lorenzo. Sie sind 14 und 12 Jahre alt.

Den Vorschlägen, die die Kinder in den nächsten Wochen abwechselnd präsentieren, sind stets zwei Dinge gemein: Sie werden erstens mit der Überheblichkeit eines Rap-Stars verkündet – etwa samt Poser-Zitat von Denzel Curry: " I-am-the-one-don’t-weigh-a-ton-don’t-need-a-gun-to-get-respect: Lampedusa!" Zweitens sind sich die Kinder nie einig: "Geschmacklos, Lorenzo! Lampedusa." Eine Postkartenbucht auf der griechischen Schildkröteninsel Zakynthos, die Camilla als "schönsten Ort der Welt" ergoogelt hat: "Und was macht man da den ganzen Tag?" Ein Luxus-Regenwald-Baumhaus, von Lorenzo entdeckt, das vollständig aus Bambus gebaut ist: "Du weißt doch nicht mal, wo das ist!"

Die Verhandlungen ziehen sich, und ich bekomme ein bisschen Angst, dass es immer exotischer, abwegiger und – teurer wird. Trotzdem halte ich mich zurück, kommentiere nur im Notfall: Nein, wir können nicht unterschiedliche Länder nacheinander ansteuern. Und, nein, wir werden uns auch nicht aufteilen. Ein gemeinsames Reiseziel für alle! Um es gleich zu sagen: Golfen kommt nicht infrage. Für mich ist das snobistischer Kram der Möchtegern-Elite. Und außerdem: Döner Kebab wurde – wenn ich richtig informiert bin – in Berlin erfunden.

Irgendwann entscheiden sich die Kinder für Norwegen. Wegen eines YouTube-Videos. Darauf zu sehen ist das, was später meinen Magen und mein Hirn ins Schlingern bringen soll: enge Steilkurven, teure Räder, schnelle Schnitte – "das wollen wir auch". Weitere Videos aus derselben Region zeigen Canyoning, Raften, Indoorsurfen. Trysil heißt die Gegend – hört sich an wie eine neue Outdoormarke, Richtung: Extremsport.

Ich lege ein paar Leitplanken aus: Flüge und Unterkunft bitte möglichst günstig, teurere Aktivitäten gern vorab mit mir zusammen buchen. Das Budget am Urlaubsort beschränke ich auf 250 Euro. Die beiden planen: Flug nach Oslo, dann zweieinhalb Stunden mit dem Bus in den Norden, von dort mit den Rädern zur Unterkunft. Lorenzo telefoniert viel. Er ruft die Fluggesellschaft an und Norway Bussekspress, fragt sich durch, auch auf Englisch. "Die müssten unsere Fahrräder reinkriegen. Und wenn wir online buchen, zahlen wir nur die Hälfte." Camilla findet ein Häuschen auf Airbnb. Sie buchen Biken, Raften, Klettern.

Alles perfekt. Erstaunlich perfekt. Dann, zwei Tage bevor es losgeht, schreckt mich eine von Lorenzo weitergeleitete E-Mail hoch. "Your flight is now ready for check in." Zwei Tage vor Abflug? Sind das normalerweise nicht immer nur 24 Stunden? Egal, ist halt ein Extra-Service der Fluggesellschaft – die sind wohl früher dran als andere.