Da sitzt man nach zehn Tagen Venedig im Flugzeug und versetzt sich zurück in die cineastische Achterbahnfahrt der Filmbiennale – eine wilde Reise durch Liebesdramen, Horrorfilme, Western, Thriller, Musicals und Filme, die in kein Genre passen. Der Blick auf das vom strömenden Regen überflutete Rollfeld ruft Guillermo del Toros Fantasyfilm The Shape of Water ins Gedächtnis, den Gewinner des Goldenen Löwen. Der Film ist der von türkisfarbenem, lichtschimmerndem Wasser überflutete Beweis dafür, dass das Fantasykino mit seinen Schauwerten und Spezialeffekten auch tiefe, zarte, leidenschaftliche Empfindungen auf die Leinwand bringen kann – wie die Liebesgeschichte zwischen einer Putzfrau und einem Monster, der Schönen und dem Biest. Wenn dieses Monster in del Toros Film zum ersten Mal aus einem Wasserbecken auftaucht, kann man sich kaum entscheiden zwischen Abscheu und Bezauberung: grünliche Schuppen, oszillierende Farben, insektenhafte Augen. Eine Kreatur zwischen Mensch und Ungeheuer, umgeben von einer Aura unendlicher Einsamkeit.

Gerade will man vor dem Start der Maschine noch einmal reflexhaft aufs Smartphone und den heimischen Wetterbericht blicken, da nimmt auf dem Nebensitz der Schauspieler Philipp Hochmair Platz. Man kommt ins Gespräch, und die Filmfestspiele gehen weiter. Hochmair ist wie beseelt von dem kubanischen Film Candelaria von Jhonny Hendrix Hinestroza, der in Venedig in einer Nebensektion zu sehen war. Hochmair spielt in dem Film mit, spricht aber kaum von sich, sondern lieber von den beiden Hauptfiguren: Candelaria und Victor Hugo, einem kubanischen Ehepaar, das in Havanna Mitte der neunziger Jahre in bitterster Armut lebt. Beide müssen trotz ihres hohen Alters arbeiten, sie in einer Hotelwäscherei, er in einer Zigarrenfabrik.

Während das Flugzeug abhebt, erzählt Hochmair den Film weiter, liebevoll, begeistert, dann wieder gedankenverloren: Die alte Dame findet in der Schmutzwäsche des Hotels eine Videokamera. Ihr Ehemann probiert sie aus, filmt seine Frau, die kokett Schulter und Hüfte zeigt. Erst als das Flugzeug über die Alpen fliegt, endet die Geschichte von dem Mann, der durch die Kamera wieder lernt, seine Frau zu sehen. "Die beiden entdecken mit über achtzig Jahren den Sex, die Erotik, ihr Verliebtsein wieder", sagt Hochmair, "ist das nicht schön?"

Und so vermischen sich während des Fluges die ungesehenen Bilder mit den gesehenen, die im Kopf der Zuhörerin entstandenen Einstellungen, Details, Fantasieschnipsel des erzählten Films mit ihren eigenen Eindrücken von dieser durchgängig begeisternden 74. Filmbiennale. Und muss nicht auch der Bericht davon Bilder in die Vorstellung des Lesers tragen, die ihm hoffentlich irgendwann im Kino wieder begegnen? Etwa das Meer, von dem man nun wirklich nicht geglaubt hätte, dass es von der Kamera noch einmal neu erfunden werden kann. Die Hamburger Kunsthochschulabsolventin Helena Wittmann verwandelt es in ein befremdliches, poetisches, mit jeder Einstellung neu zu entdeckendes Element: Schaumlinien von brechenden Wellen, die in der Dunkelheit schlangenhaft das Bild durchqueren. Öliges Schwarz in der mondglänzenden Nacht. Eine pastellfarbene, im Nebel kaum zu erahnende Wasserfläche. Grau anrollende Wellen, deren hypnotischem Rhythmus man sich nicht entziehen kann.

In Wittmanns Spielfilmdebüt Drift überquert die Protagonistin den Atlantik als Passagierin eines Segelschiffes. Immer wieder zeigt die Kamera das Wasser aus ihrem Blick. Drift , der in der Nebensektion Settimana della Critica lief, ist eine Erkundung des Meeres als sich ständig wandelnde Skulptur. Aber auch der Seelen- und Stimmungslandschaft der Heldin, die, in ihrer Schiffskabine schlafend, von Lichtreflexen besucht wird, die durch die Bullaugen wandern. Man fragt sich, wie Wittmann, die ihren Film völlig unabhängig produziert hat, so jung zu einer so entschiedenen, klaren Ästhetik gelangen konnte. Und wie mag angesichts dieser Mischung aus visueller Perfektion und Empfindsamkeit ihr nächster Film aussehen? Manchmal sind die schönsten Bilder eines Festivals die noch nicht gesehenen zukünftiger Filme, denen man jetzt schon entgegenfiebert.

Das Meer am Lido di Venezia, man muss es sagen, ist meist eine unbewegliche Brühe. Trotzdem ist es erhebend, aus dem Kinosaal kommend auf das geschmolzene Blei der Adria zu blicken. Manchmal würde man am liebsten wieder zurück in die Dunkelheit gehen, um weiter zu schauen oder um bei einem einzelnen Bild zu verharren. Etwa bei diesem: Verwundert lächelnde ältere Chinesinnen und Chinesen lernen in New York von Bibliothekaren, wie man einen Computer benutzt. In seinem Film Ex Libris – The New York Public Library porträtiert der 87-jährige Frederick Wiseman einen gigantischen Prozess der Wissensvermittlung. Und damit zugleich die leidenschaftliche Umsetzung einer demokratischen Mission.

Seit den sechziger Jahren hat Wiseman in seinen Dokumentarfilmen Institutionen porträtiert: Schulen, Jugendgerichte, Boxhallen, Frauengefängnisse, Museen. Sein neuer Film folgt über drei Stunden hinweg den Mitarbeitern der New York Public Library mit ihren 18 Millionen Stammnutzern und 92 Filialen in Manhattan und Umgebung. Bilder und Szenen setzen sich zu einem lebendigen Organismus zusammen. Die Kamera zeigt Vorträge, Workshops und Einführungen in die riesigen Sammlungen der Bibliothek, Diskussionen mit Spezialisten und populären Literaten, Musikern, Wissenschaftlern. Sie nimmt teil an Kinderkursen, an Literaturkreisen, in denen leidenschaftlich über Romanfiguren debattiert wird, an den Sitzungen des Verwaltungsrates, der Sponsorengelder auftreiben muss. Der Elan und die Begeisterung der Bibliotheksangestellten scheinen unermüdlich. Und der Film wird auf leise Art zu einem Gegenprogramm zu so vielem, was gerade in den USA geschieht. Letztlich geht es in Ex Libris um einen einfachen, noblen Akt: Menschen dabei zu helfen, sich durch Bildung ein Bild von der Welt zu machen.

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