Was hat die Finanzkrise, die vor zehn Jahren die Weltwirtschaft an den Rand des Ruins brachte, mit Goethe zu tun? Nichts natürlich. Und doch war es Goethe, der in Faust II beschrieb, wie Geld fiktiv und inflationär wird, wie es Blasen bildet und vor allem eines erzeugt: Chaos und Unsicherheit. Mit der Moderne sah Goethe das "Zeitalter der Einseitigkeit" heraufziehen, die Ära des ökonomischen Menschen. Prompt beschwerte sich der Romantiker Novalis, beim Weimarer Meisterdichter sei die "Oeconomie" leider das einzig übrig Bleibende.

Über Goethes geniales Gespür für die Selbstökonomisierung der bürgerlichen Gesellschaft ist viel geschrieben geworden, man denke nur an Heinz Schlaffers Faust-Buch, die Studie Geld und Magie des Nationalökonomen Hans Christoph Binswanger oder an die Forschungen des Berliner Germanisten Michael Jäger. Auch der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl hat Goethes Faust einen prägnanten Exkurs gewidmet, und ohne Übertreibung kann man sagen, dass ihn diese Lektüre für den spekulativen Irrsinn des Finanzkapitalismus sensibilisiert hat. Sein Buch über Das Gespenst des Kapitals wurde ein Bestseller, und in einem brillanten Aufsatz hat Vogl nun noch einmal nachgelegt.

In den Blättern für deutsche und internationale Politik (9/2017) wirft er der Wirtschaftswissenschaft vor, sie habe – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen – auch zehn Jahre nach der Finanzkrise nichts aus ihrer "intellektuellen Katastrophe" gelernt. Noch immer glaubten Ökonomen wie der ehemalige US-Notenbankchef Ben Bernanke oder der Nobelpreisträger Robert Lucas an die prinzipielle Vorhersehbarkeit und das innere Gleichgewicht des Marktgeschehens. Vogl kommt dieser Glaube bekannt vor. Es ist die Markt-Theologie des 17. und 18. Jahrhunderts.

Tatsächlich sind Handel und Wirtschaft, erst recht das neu entstandene ökonomische Wissen anfangs nie bloß ökonomisch verstanden wurden. Der schottische Moralphilosoph Adam Smith (1723 bis 1790) beschrieb die irdische "Oeconomie" als Teil des göttlichen Heilsplans, als Werkzeug "für die Glückseligkeit der Menschen". Für ihn war der Markt ein "Mitarbeiter Gottes", der hinter dem Rücken der Beteiligten Wohltätigkeit organisiert. Von dieser Theologie, so Vogl, zehren die Ordnungsfiguren des Liberalismus insgeheim noch heute und verleihen seiner Glaubenslehre, seiner "Oikodizee", die höheren Weihen: Hinter allen Übeln, hinter allen Crashs und Krisen, so verspricht sie, steckt ein höherer Sinn. Alles wird gut.

In seinem Buch Kalkül und Leidenschaft hat Vogl gezeigt, wie stark Goethe der Vergötzung der Wirtschaft misstraute; er glaubte nicht an unsichtbare Hände oder an eine prästabilisierte Harmonie des Marktes. Diese Skepsis ist immer noch aktuell. Für Vogl gibt es weder unschuldige politische Entscheidungen noch "zwingende Marktautomatismen", und wenn Ökonomen auf Sachnotwendigkeiten verweisen oder fromme Systemtheoretiker vor der komplexen "Schönheit" von Marktmodellen ins Schwärmen geraten, dann "verhehlen" sie dahinterliegende Machteffekte und Interessen. Kurzum, Märkte sind keine Naturprodukte, sie werden politisch gemacht. In Faust II klagt der Kaiser: "Ich habe satt das ewige Wie und Wenn. Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn." Mephisto darauf: "Ich schaffe, was Ihr wollt, und schaffe mehr."