Gestalt: kräftig / Gang: lässig [...] / Umgangsformen: korrekt, bestimmend / Sicherheit im Auftreten: sehr sicher [...] / Intelligenz, logisches Denken, geistige und sprachliche Beweglichkeit: sehr gut entwickelt / Anpassungsverhalten: Führungstyp [...] / Willensstärke, Willenseigenschaften: ausgeprägt / Mut und Ausdauer: gut entwickelt / Kontaktfähigkeit und eigene Zugänglichkeit: fühlt sich als eine Art besonderer Mensch [...] / Stellung zu Lob und Kritik: verträgt Kritik".

So weit der Fragespiegel zur Personeneinschätzung, den die Stasi 1978 über Gerhard Schröder anfertigte, zitiert nach der Schröder-Biografie von Gregor Schöllgen. 1978, da war der spätere Bundeskanzler noch Rechtsanwalt und Vorsitzender der Jungsozialisten, wobei ihn vor allem Letzteres für das Ministerium für Staatssicherheit interessant machte. Aber nach ihrer akribischen Personeneinschätzung kam die Stasi zu dem Schluss, dass er sich für ihre Zwecke kaum einspannen lassen würde. Zwar trinke er "gern und viel Bier (immer große Gläser)", sei aber nur schwer zu beeinflussen, weshalb man es bei der "Beobachtung" bewenden lassen wolle.

"Oskar Lafontaine hatte diese speckigen Anzüge, während Gerhard Schröder in exklusivstem, perfektest geschneidertem Zwirn in die Wahl ’98 marschierte. Er musste einfach siegen." So sah es Umberto Angeloni, Chef der Edelmarke Brioni, zwanzig Jahre später. Dazwischen liegt der planmäßige, hartnäckig verfolgte Aufstieg eines Mannes, der unbedingt nach oben wollte, dessen Persönlichkeit aber in schierem Karrierismus keineswegs aufgeht. Weitere Facetten dieses Kanzlers: eine ausgeprägte situative Intelligenz, Schnoddrigkeit ("Ministerium für Frauen und Gedöns"), Instinktsicherheit bei gleichzeitiger Statusunsicherheit des sozialen Aufsteigers, nahezu perfekt hinter Eloquenz, Arroganz und Charisma verborgen.

Schröder kokettierte nicht mit seiner Herkunft von ganz unten, aus dem subproletarischen Milieu, sondern war aufrichtig stolz auf die Lebensleistung seiner Mutter, die das Geld für die Familie als Putzfrau verdient hatte. Aus dieser Erfahrung bezog er sein normatives Gesellschaftsbild, dass eine Gesellschaft Chancengleichheit in einem substanziellen Sinn ermöglichen solle. Für Schröders Entscheidung, Sozialdemokrat zu werden, war das ein starkes Motiv und blieb es bis zum Ende seiner Kanzlerschaft. Die faktischen Folgen der rot-grünen Deregulierungspolitik, der Agenda 2010 und des in mancher Hinsicht unseligen Wirkens seiner Bildungsministerin Edelgard Bulmahn haben die Bildungsungleichheit freilich wieder verstärkt, nachdem sie in der Ära Brandt zurückgegangen war – wovon nicht zuletzt Schröder selbst und sein Außenminister Joschka Fischer profitiert hatten.

So kam es denn auch, dass es mit dem Antritt der Regierung Schröder am 27. Oktober 1998 erstmals Menschen an die Spitze der Republik schafften, deren Herkunftsmilieu man heute idiotischerweise "bildungsfern" nennt – ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie aufstiegsoffen dieses Land einmal für kurze Zeit war. Alle vorherigen Kanzler und Kabinettsmitglieder stammten aus bürgerlichen Verhältnissen. Nun wurde ein Schulabbrecher und ehemaliger Sponti Außenminister und einer vom zweiten Bildungsweg Bundeskanzler. Es ist daher auch gewiss kein Zufall, dass die Insignien von Status und Macht sowohl auf Joschka Fischer als auch auf Gerhard Schröder äußerst verführerisch wirkten – man denke nur an Regina Schmekens großartiges Foto des Außenministers, der, glücklich wie ein Kind an Heiligabend, zum ersten Mal am Kabinettstisch sitzt. Welch bittere Ironie, dass es nicht zuletzt die Politik von Rot-Grün gewesen ist, die diese Aufstiegskanäle wieder enger gemacht hat.

Kanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden, darauf hat Gerhard Schröder seit seiner Zeit bei den Jusos hingearbeitet. Die Stationen seiner Karriere: Volksschulabschluss 1958, Lehre als Einzelhandelskaufmann, dann neben der Berufstätigkeit Besuch einer Abendschule, 1963 Eintritt in die SPD, 1964 mittlere Reife, 1966 Abitur, Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen, 1974 erstes Staatsexamen, 1976 zweites Staatsexamen, Rechtsanwalt, 1978 Bundesvorsitzender der Jusos, 1980 Abgeordneter im Bundestag, 1986 Spitzenkandidat der SPD in Niedersachsen, Oppositionsführer im Niedersächsischen Landtag, 1990 Ministerpräsident in Niedersachsen, 1998 Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, 2006 Vorstand bei Nordstream, seither verschiedene Beratungstätigkeiten, von Ende 2017 an möglicherweise einer von neun Aufsichtsräten beim russischen Ölkonzern Rosneft.

Schon an dieser tabellarischen Berufsbiografie lassen sich zwei Dinge ablesen, die Schröder kennzeichnen: der Wille zum Aufstieg, für den er ungeheuere Anstrengung auf sich nahm – auch um den Preis, sich angreifbar zu machen. Und ein entspannter und immer entspannter werdender Umgang mit den unterschiedlichsten wirtschaftlichen Kreisen. Das Maß an Aktivität, das hinter alldem steht, lässt sich erahnen, wenn man sich vor Augen führt, dass er zeitweise auch noch Bundesvorsitzender der SPD war, vier Ehen absolvierte, passioniert Fußball, Tennis und Skat spielte und, so wie es die Ämter erforderten, überall in der Welt unterwegs war. Dafür muss man gebaut sein.