In der Bibel ist immer wieder vom Volk die Rede. Was aber versteht die AfD darunter? In ihrem neuesten Glaubensbekenntnis schreibt die Partei: "Es ist das legitime Recht jedes Volkes, seine Traditionen und spezifischen Eigenarten zu verteidigen und zu bewahren und sich deren Auflösung in einer multikulturellen Gesellschaft zu verweigern." Mit der Rede vom Volk nutzt das Kirchenpolitische Manifest der AfD ein christliches Grundwort. Gemeint ist in der Heiligen Schrift der Juden und Christen jedoch keine Nation, sondern das "Volk Gottes", das in Israel gründet.

Auf das Judentum bleibt die christliche Theologie immer bezogen. Christliche Identität kann niemals nur selbstbezogen sein. Das gilt vor allem aus einem Grund: Das Volk Gottes, christlich verstanden, besteht aus Menschen aller Nationen. Es lässt die Kategorie des Nationalen hinter sich, weil es die Zugehörigkeit aller Menschen zu Gott meint. Fremde eingeschlossen! Im Manifest der AfD klingt das anders. Zwar drückt es zunächst eine Wertschätzung aus für "den weltkirchlichen, allumfassenden Charakter des Christentums, der in gewisser Weise die Einheit aller Menschen verdeutlicht". Doch sofort folgt eine massive Einschränkung: "Einflüssen anderer Religionen stehen wir kritisch gegenüber, sofern und soweit sie die Errungenschaften unserer christlich-abendländischen Tradition in Frage stellen und einen über das Religiöse hinausgehenden totalitären politischen Anspruch verfolgen."

Dieser Hinweis geht gegen Christenfeinde und Fundamentalisten, spielt aber auch mit der Angst vor anderen Religionen, nicht zuletzt dem Islam. Gerade weil sie nicht konkret benannt wird, bekommt die Angst Raum. Die Angstmache hat Methode. Sie betrifft auch das christliche Erbe, zu dem sich das Manifest bekennt. Zwar hält es "Menschenwürde, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" hoch. Auch die Orientierung am "Leitbild der Ehe" und die Forderung nach dem "Schutz ungeborener Kinder" klingen gut christlich. Aber das Manifest wertet diese Werte um. Ständig hat es die eigene Kultur, die eigene Tradition, das eigene Volk im Blick. Diese gelte es zu schützen. Vor wem, das darf man sich selber ausmalen – und jenseits der Grenzen vermuten, die das Manifest beim Zuzug von "vermeintlichen Kriegsflüchtlingen" zieht.

Ja, hier wird Weltoffenheit proklamiert. Freilich mit der Einschränkung: "Wir wollen aber Deutsche sein und bleiben." So schrumpft Christentum zum bloßen Kulturgut, und die Würde jedes Menschen wird einem anderen Interesse untergeordnet. Letztlich gehe es um "unsere abendländische christliche Kultur, unsere Sprache und Tradition in einem friedlichen, demokratischen und souveränen Nationalstaat des deutschen Volkes". Was zum deutschen Volk passt, entscheidet die AfD. Sie legt den Begriff der Menschenwürde politisch und geografisch aus, als gälte er nicht für jeden Menschen als Abbild Gottes.

Im Christentum ist das Volk Gottes verpflichtet, der grenzenlosen Liebe Gottes Raum zu geben. Wie das politisch geht, wird nicht gesagt; es bedarf der Debatte und verlangt mehr als ein Bekenntnis zu "unserer Lebensart". Der ausschließende Gebrauch des "uns" und "wir" bestimmt im Manifest den Ton. So wird aus dem Gott Jesu Christi ein Nationalgott. Das Glaubensbekenntnis der AfD klingt christlich, ist es aber nicht, weil es auf Ausgrenzung zielt.