Viele Erinnerungen verbinden sich mit diesem Mann. Heiner Geißler, der am Dienstag im Alter von 87 Jahren verstarb, ist keiner, den man vergisst, nachdem man sich mit ihm beschäftigt hat. Normale Gespräche, kritische Begegnungen, ärgerlicher Streit, egal, das meiste blieb haften. Er wird fehlen, sagen und schreiben Freund und Feind nun gleichermaßen. Es sei dahingestellt, wie viele das wirklich ehrlich meinen, aber es ist so: Die Erfahrung, die Kenntnis und die Fähigkeit, nach vorn zu denken, alles, was Heiner Geißler ausmachte, ist in dieser Mischung nicht so häufig anzutreffen. Vor allem nicht dort, wo man die politische Elite vermutet.

Geißler war ein durch und durch politischer Mensch. Ich habe mich als Journalist häufig mit ihm auseinandergesetzt, an ihm gerieben und ihn kritisiert. Der Mann hat mich immer interessiert. Gründe für eine intensive Beschäftigung mit seiner Rolle in der deutschen Politik hat der ebenso streitbare wie intellektuelle Christdemokrat genug geliefert. Er war ein Erneuerer, ein Beweger. Er war ein Demokrat. Doch war er im öffentlichen Streit, wenn er die größtmögliche Wirkung erreichen wollte, rhetorisch auch rücksichtslos. Falsche Freundlichkeit konnte man ihm jedenfalls nicht nachsagen.

Mein ZEIT-Kollege Gunter Hofmann und ich erfuhren das, als wir in den frühen 1990er Jahren mit Geißler an einem Buch über sein politisches Leben, seine Ansichten, seine Kämpfe, seine Perspektiven arbeiteten. Wir führten mit ihm stundenlange Gespräche, zwischen November 1992 und Juli 1993, meistens in seinem Haus in Gleisweiler. Geißler hatte gerade einen missglückten Gleitschirmflug knapp überlebt, mit schweren Rückenverletzungen. Oft lag er, zur Entlastung des Rückens, bei unseren Gesprächen auf dem Boden. Er bewegte sich kaum. Sein politisches Temperament wurde dadurch aber nicht gedämpft. Wir sprachen über die Zeitläufte und über die Erwartungen, die er an die Zukunft des vereinten Deutschlands hatte, drei Jahre nach dem Fall der Mauer, zwei Jahre nach jenem ersten Wahlsieg des "Kanzlers der Einheit", den er nicht mehr als CDU-Generalsekretär organisiert hatte.

Vor allem sprachen wir über die allgemeine politische Entwicklung in Deutschland und die Lage der Demokratie. Lange vor den Turbulenzen, die Europa inzwischen in Atem halten und den Einzug einer rechtsradikalen Partei in den Bundestag, womöglich als drittstärkste Fraktion, wahrscheinlich werden lassen, sagte Geißler über die in seinen Worten "negativen Ansätze unserer gesellschaftlichen Entwicklung": Noch bedrohlicher als Dauerarbeitslosigkeit wären "Fremdenmord, Neonationalismus, Antiparlamentarismus und Entsolidarisierung, vor allem zwischen West und Ost".

Diese Entwicklungen hatten laut Geißler einen gemeinsamen Nenner: "Unsicherheit und Orientierungslosigkeit". Die Analysen unserer heutigen Krisensymptome kreisen alle um genau dieses sozialpsychologische Phänomen: um den Verfall der politisch-sozialen Moral als Ursache der galoppierenden Entsolidarisierung der europäischen Gesellschaften.

Dieser Heiner Geißler: Anfangs kannten wir ihn nur vom Hörensagen. Er war einer der jungen Wilden, mit denen der neue Mann in Mainz, Helmut Kohl, die CDU umbauen und modernisieren wollte. Das waren die späten 1960er Jahre, eine unruhige Zeit. Veränderung war angesagt, nicht nur auf der Linken. Auch Kohl wollte Reformen durchsetzen, und unter seinen Helfern sagte man über den in Mainz zugewanderten Württemberger Geißler, diesen Namen werde man sich merken müssen.

Ob Kohl es ohne diesen Helfer geschafft hätte? Im Bundestagswahlkampf 1976 hätte er fast die absolute Mehrheit gewonnen. Da war noch der Politikprofessor Kurt Biedenkopf sein Unterstützer in der Rolle des Generalsekretärs. Danach, als Oppositionsführer in Bonn, brauchte Kohl einen Kämpfer an seiner Seite. Er holte Geißler als Generalsekretär ins Adenauer-Haus. Einen Mann mit der Fähigkeit, strategisch zu denken, und mit dem Talent, im politischen Alltag richtig zuzupacken, im Ernst- oder Notfall auch zuzuschlagen. Egal wo und gegen wen: gegen die Sozialdemokraten, gegen die Linke insgesamt, gegen die Friedensbewegung. Oder gegen Franz Josef Strauß und die CSU.