Am Anfang war die ZEIT, ein Hausbesuch, den der Kanzlerkandidat der Union im Spätsommer 1976 dem Schriftsteller Walter Kempowski gewährte. Frau Hannelore bewirtete den Autor mit Selbstgekochtem. Der einstige Dorfschullehrer aus dem niedersächsischen Nartum war für das Hamburger Wochenblatt zum Oggersheimer Bungalow gereist, um die kulturellen Neigungen des Mannes auszuloten, der den amtierenden Regierungschef Schmidt zu beerben gedachte. Das minuziöse Protokoll der Begegnung – ganz unverdächtig betitelt mit der Frage Was lesen Sie, Herr Kohl? – löste, keineswegs nur unter den Intellektuellen der Republik, Lachsalven aus und erreichte in den Wahlkampfwochen Kultstatus. "In Hölderlin war ich gut. Hölderlin war für mich ganz oben", bekennt der damals noch recht schlanke Hüne, der sich für die Fotografin in lässigem Feincord-Anzug gegen seine Bücherwand lehnt. Auch die Weimarer Klassik wird mit einschlägigen Worten bedacht. Goethe? "Ich bin keiner, der einen direkten Zugang zu Gedichten hat. Mir fliegt da nichts zu."

In diesem Stil geht es im ZEITmagazin über fünf Druckseiten. Die Einlassungen des CDU-Vorsitzenden, der ins Kanzleramt will, erstrecken sich auch auf die bildenden Künste ("Meinen Sie Happening und so was? Hab ich gar keinen Sinn für") und auf die Musik: "Trompeten – da gibt’s von Vivaldi so Sachen." Kohl, dem der realsatirisch wirkende Text nicht vorab zur Autorisierung vorgelegt worden war, fühlte sich rundherum reingelegt.

Das Desaster, das möglicherweise mitentscheidend für die knappe Niederlage bei der Bundestagswahl 1976 war, hat er niemals verwunden. Als junger Reformer, als Ministerpräsident in Mainz, der regelmäßig Bürgersprechstunde hielt, war er bereit, selbst mit dem Spiegel im Streitgespräch die Klingen zu kreuzen. Seit der Kempowski-Visite aber fühlte er sich verfolgt. "Ich stand kurz vor der Wahl als Dorfdepp da. Die ZEIT hat das gemacht im Zuge ihres von da an laufenden Vernichtungsprogramms, was sich bis zum heutigen Tag nicht verändert hat." Und jener "heutige Tag", an dem er dies sagte, war immerhin der 31. August 2001. Ein Vierteljahrhundert war seit dem verhängnisvollen Zusammentreffen vergangen.

Eigentlich hätte er gelassen, in sich ruhend auf sein Lebenswerk zurückschauen können. 16 Jahre hielt er sich im Amt. Als "Kanzler der Einheit", als Schrittmacher bei der Zusammenführung Europas, als ellenbogenstarker Parteiführer hat er Geschichte geschrieben. So legendär wie seine Triumphe sind die Skandale, die sich mit seinem Namen verbinden: Flick, der Spendensumpf. Die Untersuchungsausschüsse. Die Prozesshanselei um den ewigen Verschluss seiner Stasi-Akten, die doch fraglos Dokumente der Zeitgeschichte sind. Er aber beanspruchte, nicht nur in der Ehrenwort-Affäre, eine Lex Kohl. Ein Solitär seines Kalibers, der im weiten Mantel der Geschichte spaziert, kümmert sich nicht um Gesetze, die für Krethi und Plethi gelten.

Seine Alleingänge wurden, besonders in der Wendezeit, bewundert und gefürchtet: das ohne jede Absprache verkündete Zehn-Punkte-Programm zur deutschen Einheit oder die trotz des Protests vieler Experten eilig durchgeboxte Einführung der D-Mark in der DDR. Er ließ die Pleitegeier der Treuhand über Ostdeutschland kreisen und verhandelte die milliardenteuren Verträge über den Abzug der sowjetischen Streitkräfte.

Seine Tatkraft und sein untätiges Wegducken, das Standhalten und das zur Staatskunst erhobene Aussitzen gingen ineinander über: Nach den Pogromen in Hoyerswerda oder in Rostock-Lichtenhagen weigerte er sich, mit einem Besuch am Ort ein Zeichen demokratischer Solidarität zu setzen; auch nach den rechtsradikalen Terroranschlägen von Mölln und Solingen gab es keine Geste der Anteilnahme mit den Opfern.

Brüche, Blessuren prägen seine Vita. Sein älterer Bruder Walter ist 1944 mit 19 Jahren bei einem Tieffliegerangriff ums Leben gekommen. Schon deshalb war Helmut Kohl kein Freund des Krieges. Aber die Friedensaktivisten, die 1981 im Bonner Hofgarten für Abrüstung demonstrierten, die hat er verachtet. Nach Lessings Definition ist er der Prototyp eines deutschen Helden – ein gemischter Charakter, mit überproportional ausgeprägten Stärken und Schwächen gesegnet. Eine teutonische Eiche, von vielen Blitzschlägen getroffen und dennoch tief im Erdreich verwurzelt.

Als er am 16. Juni 2017 von uns ging, nannte ihn Martin Walser unsterblich. Er verneigte sich vor dem Toten und bat um Vergebung, dass auch er einmal zu den Kritikern des nunmehr Übergroßen gehört hatte. Der Tisch im Olymp scheint für ihn gedeckt. Der lebendige Kohl aber war von der Obsession geplagt, man wolle seinen Namen aus den Geschichtsbüchern tilgen: "Der Helmut Kohl durfte keinen Erfolg haben." Unter seinem öffentlichen Erscheinungsbild litt er wie ein geprügelter Hund. "Ich hatte keine Freude, Birne zu sein, die Birne, die nichts las und nichts konnte. Dabei hat Birne in den fünfziger Jahren unter anderem auch Philosophie studiert." Sein scheinbar so unerschütterliches Ego ertrug es nicht, dass Helmut Schmidt sich mit perfektem Englisch elegant auf internationalem Parkett bewegte, indes er, als ewiger Provinzler gebrandmarkt, den heimischen Dialekt niemals loswurde.