Bereits Mitte Mai wurde Luca B. auf die Vos Hestia, ein unter italienischer Flagge fahrendes Rettungsschiff der internationalen Hilfsorganisation Save the Children, eingeschleust. Sie operierte oft in der Nähe der viel kleineren und für einen längeren Transport von Menschen ungeeigneten Iuventa. Ihr nahm sie regelmäßig gerettete Flüchtlinge ab und brachte diese nach Italien. Derweil blieb die Iuventa, ein ehemaliger Fischtrawler, vor der libyschen Küste liegen und bereitete die nächste Rettungsaktion vor. Eine "Plattform" für den Weitertransport nennt ein Zeuge die Iuventa.

Italiens Regierung wollte das nicht länger dulden, und sie stand im Sommer unter enormem Druck. Fast täglich brachten private Rettungsboote Hunderte von schiffbrüchigen Migranten und Flüchtlingen nach Italien. Fast ein Dutzend NGO-Boote kreuzten inzwischen vor Libyens Westküste. Von einem "Taxidienst" für Flüchtlinge war die Rede, und Forderungen wurden laut, den Hilfsorganisationen das Handwerk zu legen.

Ins Visier der Justiz gerieten dabei vor allem Jugend Rettet und die Iuventa. Denn der erste Verdacht gegen die Deutschen war bereits vor einem Jahr aufgekeimt, im September 2016. Nach einer Seenotrettung wenden sich damals zwei Besatzungsmitglieder auf dem Save-the-Children-Boot Vos Hestia an den italienischen Auslandsgeheimdienst AISE. Der Eigner des Schiffes, eine Agentur in Genua, hatte die beiden Männer über den privaten italienischen Sicherheitsdienst IMI Security Service angeheuert und der Crew von Save the Children an die Seite gestellt.

In einer E-Mail schildern sie ähnliche Beobachtungen, wie sie später auch der verdeckte Ermittler Luca B. macht: Die Besatzung der Iuventa navigiere häufig "sehr dicht" an libyschen Hoheitsgewässern. Und es komme ihnen "komisch" vor, dass sie die leeren Flüchtlingsboote "anderen Subjekten zurückgab, die sich in der Nähe der Rettungsaktionen an Bord kleiner Holz- oder Glasfaserboote aufhielten". Die NGO Save the Children zeigt sich entsetzt über die Agenten auf ihrem Rettungsschiff und beteuert schriftlich gegenüber der ZEIT, sie habe nichts von den Vorwürfen gegen Jugend Rettet gewusst und erst aus Medienberichten davon erfahren. Mit der Sicherheitsfirma IMI arbeitet Save the Children nicht mehr zusammen.

Ähnliche Vorwürfe wie Luca B. und die beiden IMI-Mitarbeiter erhebt auch ein Arzt an Bord der Iuventa. Stefano S. arbeitet für die Hilfsorganisation Rainbow for Africa und hilft zwischen Oktober 2016 und Ende Mai 2017 immer wieder als medizinischer Berater bei Jugend Rettet aus. Er beschwert sich über das "feindselige" Verhalten der Iuventa gegenüber der für die Koordination von Rettungseinsätzen zuständigen italienischen Seenotleitstelle in Rom. Die Deutschen, sagt er in einem abgehörten Telefonat, finden "jede Situation und jeden Vorwand, um mit dem IMRCC in Konfrontation zu gehen".

Gut möglich, dass Jugend Rettet bisweilen selbstherrlich agierte und sich nicht von anderen in seine Rettungsaktionen hineinreden lassen wollte. Über das IMRCC jedenfalls war man spätestens zu dem Zeitpunkt wütend, als die Seenotleitstelle der Iuventa Anfang Mai auftrug, fünf gerettete minderjährige Flüchtlinge selber nach Italien zu bringen. Es gab Streit darüber, das belegt auch ein kleines, handgemaltes Protestschild mit der Aufschrift "FUCK IMRCC", das ein Besatzungsmitglied laut Ermittlungsakte sichtbar neben dem Steuer der Iuventa anbrachte. Jugend Rettet spricht heute selber von einer "dämlichen Aktion".

Es lässt sich also nicht ausschließen, dass die deutschen Seenotretter ihren Hilfsauftrag im humanitären Überschwang weit ausgelegt haben. Es findet sich in der Ermittlungsakte aber kein Anhaltspunkt dafür, dass sich die Iuventa- Besatzung offen der Order des IMRCC widersetzte. In einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber der ZEIT äußert sich Jugend Rettet erstmals zu den Vorwürfen und behauptet, stets mit dem IMRCC kooperiert zu haben: "Sämtliche Einsätze erfolgen in direkter Absprache mit dem IMRCC."

Die Fotos des verdeckten Ermittlers liefern keinen wirklich stichhaltigen Beweis für ein strafbares Verhalten. Sie sind bisweilen unscharf und dokumentieren nur kleine Ausschnitte, nicht aber die gesamte Seenotrettung vom 18. Juni. Außerdem behauptet Jugend Rettet, dass die Iuventa "kein grünes Beiboot besitzt", ihre Beiboote seien schwarz-rot.

Das ist allerdings falsch. Zumindest führt die Iuventa, wie Reporter-Fotos belegen, ein Schlauchboot mit, das man für grün halten kann. Das gesteht nach Vorlage des Bildes auch Jugend Rettet zu, sagt aber, in Wahrheit sei die Farbe grau.