Die NGO bestreitet nicht, dass man bei Rettungsaktionen, auch jener am 18. Juni, Flüchtlingsboote von der Iuventa weggezogen habe – auch mithilfe des besagten Beiboots. Das sei Routine und diene der Sicherheit, sagt ein Mitarbeiter, der wegen des laufenden Verfahrens nicht namentlich genannt werden möchte. Die Boote würden abgeschleppt, um sie entweder während einer Seenotrettung aus der Gefahrenzone zu bringen oder um sie in sicherer Entfernung zu zerstören. Schlauchboote würden zerschnitten, Holzboote angezündet. "Eine spätere Wiederverwendung von benutzten Booten und Motoren", schreibt Jugend Rettet, "stellt unserer Meinung nach eine zusätzliche Gefahr für weitere Flüchtlinge dar." Darum versuche man, die leeren Boote zu vernichten.

Nicht immer aber, so die NGO, gestatte es die allgemeine Lage, die Boote unbrauchbar zu machen. Bei Seenotrettungen vor der libyschen Küste tummelten sich stets viele Schiffe, Boote der Küstenwache, der Schlepper und der sogenannten engine fisher. Letztere, so schreibt die NGO, sammelten "vor, während oder nach Rettungseinsätzen die Motoren" der Flüchtlingsboote ein und schleppten "teilweise ganze Boote zurück nach Libyen". Ein Kontakt mit libyschen Schiffen sei unvermeidbar. Das bestätigen auch andere Hilfsorganisationen.

Es ist schwierig, unabhängige Informationen über Rettungsaktionen zu erhalten. Jede Seite schildert das Geschehen aus ihrer Perspektive, Aussage steht gegen Aussage. Wie glaubwürdig die Zeugen sind, lässt sich nur schwer prüfen. Wie das journalistische Portal correctiv.org berichtet, besteht der Verdacht, dass zumindest ein Mitarbeiter des IMI Security Service Verbindungen zu rechtsextremen Gruppen haben könnte.

Darum kommt es für die Ermittlungen vor allem auf klare Beweise, auf Tatsachen an. Was Staatsanwalt Cartosio bislang zusammengetragen hat, reicht für eine über jeden Zweifel erhabene Verurteilung schwerlich aus. Selbst er bescheinigt Jugend Rettet durchaus guten Willen. Die deutsche NGO sei nicht Teil der kriminellen libyschen Schlepperbanden, schreibt er, habe "sie mit ihnen doch weder Methoden noch Ziele gemein". Aber selbst wer in bester Absicht "und zum Schutz von Migranten" handle, so Cartosio, könne sich der Beihilfe zur unerlaubten Einreise strafbar machen.

Aus Libyen fliehen unterdes immer weniger Menschen. Italien und die EU haben dieses Ziel auf andere Weise erreicht: Die libysche Küstenwache hat ihre Rettungszone im August eigenmächtig auf 72 Seemeilen ausgedehnt hat und dort Schiffe der NGOs für unerwünscht erklärt. Aus Sorge um ihre eigene Sicherheit halten sich die Hilfsorganisationen darum zurück. Ihre Schiffe liegen entweder vor Anker oder operieren in großem Abstand zur libyschen Küste.

Im August wurden nur noch 4000 Menschen aus Seenot gerettet, vor einem Jahr waren es noch fünfmal so viele. Was mit den Migranten und Flüchtlingen derzeit in Libyen geschieht, wie viele trotzdem die Flucht wagen, von der Küstenwache abgefangen werden oder womöglich ertrinken, erfährt man kaum noch.

Transparenzhinweis: Jugend Rettet wurde vom Publikum des Z2X-Festivals im September 2016 ausgezeichnet. ZEIT ONLINE hat das Festival organisiert.

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