Achtung, die Schweizer! – Seite 1

Er will mehr Demokratie

Daniel Häni, 51, geboren in Mühleberg

DIE ZEIT: Herr Häni, von Niklaus von Flüe ist der Rat überliefert: "Mischt euch nicht in fremde Händel!" Sie treibt es als Demokratie-Missionar nach Berlin, wieso?

Daniel Häni: Deutschland hat einen Mutti-Komplex. Ich will etwas beitragen, um diesen zu überwinden. "First World Development" nenne ich das.

ZEIT: Bitte?

Häni: Seit dem Zweiten Weltkrieg hat Deutschland einen DNA-Schaden bezüglich der Demokratie. Nun ist die Zeit gekommen, diesen zu beheben. Ich verstehe mich als eine Art Schweizer Götti.

ZEIT: Wieso fühlen Sie sich dazu berufen?

Häni: Die Idee und Praxis der Selbstbestimmung ist die interessanteste Frage der Gegenwart: Wie schaffen wir Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, dass wir mehr das machen, was wir wollen, und weniger, was wir sollen? Betroffene zu Beteiligten machen. Diesen Selbstbestimmungsimpuls will ich nach Deutschland exportieren, damit sich unsere Nachbarn besser von ihren Bevormundungen emanzipieren können.

ZEIT: Früher war es Ihnen selbst allerdings etwas peinlich, Schweizer zu sein. Warum?

Häni: Weil die Schweiz so kleinkariert war.

ZEIT: Heute hingegen klingen Sie ...

Häni: ... wie ein Fan! Die Volksabstimmung 1989 zur Abschaffung der Armee hat mich politisiert und wachgeküsst für das Schweizersein.

ZEIT: Was passierte damals mit dem jungen Daniel Häni?

Häni: Die Abstimmung zeigte, ein Drittel der Schweizer sind gar nicht so kleinkariert, wie ich dachte, sondern aufgeschlossen und mutig. Sie wollten die Armee abschaffen!

ZEIT: Das machte Ihnen Mut?

Häni: Klar. Es zeigte mir: Demokratie ist kein Gewinnspiel, sondern ein Spiegel der Gesellschaft, der einen Trend sichtbar machen kann. Das hat mich ermutigt, in der Schweiz eine Volksabstimmung zum bedingungslosen Grundeinkommen anzuzetteln. Die Abstimmung 2016 hat auch im Ausland für Aufsehen gesorgt.

ZEIT: Bei Abstimmungen geschehen in der Schweiz immer wieder Unfälle. Denken Sie nur an die Minarett-Initiative.

Häni: Ich finde das arrogant und undemokratisch argumentiert. Eine Abstimmung zeigt, wie die Mehrheitsverhältnisse und die Stimmungslage in einem Land sind.

ZEIT: Die Mehrheit hat nicht immer recht.

Häni: Stimmt. Deshalb ist es sinnvoll, parlamentarische und direkte Demokratie zu verheiraten. Sie sind kongenial.

ZEIT: Trotzdem: Hat man in Berlin auf Sie gewartet?

Häni: Sicher nicht. Ich hoffe aber, den Deutschen ein wenig die Angst vor bundesweiten Abstimmungen zu nehmen.

ZEIT: Wie?

Häni: Ich berichte, dass in der Schweiz das Abstimmen wie Zähneputzen ist: bürgerlich und sehr normal. Einfach hygienisch.

ZEIT: Wovor fürchten sich die Deutschen?

Häni: Vor sich selbst. Vor dem, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist. Dabei war es das Parlament, das Hitler den Weg ebnete. Selbst im Grundgesetz steht: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen ausgeübt." Aber um die bundesweite Volksabstimmung einzuführen, braucht es eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag. Ich fände es fair, eine Volksabstimmung über die Volksabstimmung durchzuführen.

ZEIT: Fürchten die Parlamentarier um ihre Macht?

Häni: Ja, aber eigentlich sind alle Parteien für Volksabstimmungen, außer der CDU. Wir müssen der Kanzlerin zurufen: "Mutti, wir sind erwachsen. Lass uns auch bundesweit abstimmen! Wir haben dich lieb."

ZEIT: Was braucht es, damit Merkel kippt?

Häni: Die Volksabstimmung muss zur Gewissensfrage werden. Die Deutschen schaffen das!

"Ich habe Berlin verschweizert"

Sie will Berlin vereinen

Regula Lüscher, 55, geboren in Basel

Immer wenn ich zurück in der Schweiz bin, sagt meine Mutter zu mir: "Du bist rääf geworden." Kratzbürstig. Berlin hat mich in den zehn Jahren, die ich nun hier bin, deutscher gemacht. Aber ich habe die Stadt als Staatssekretärin auch verschweizert. Ein bisschen zumindest.

Wieso ich lache? Weil ich das mit einem Running Gag geschafft habe. Ich sage immer: "Vorwärts machen, vorwärts machen." Eine Schweizerin, die auf Zack ist, das halten die Berliner für einen Witz, weil die Schweizer den Ruf haben, langsam zu sein. Dieses Moment nutze ich für mich.

Als ich in Berlin anfing, fiel mir als Erstes auf, dass hier immer die Differenzen betont werden. Egal, ob auf Podien oder bei Projekten. Das macht das Ganze zwar interessant, man fetzt sich, es geht etwas. Aber vorwärts kommt man damit nicht unbedingt. Ich wurde in der Schweiz anders sozialisiert: Man sucht eher das Verbindende, weniger das Trennende. Das versuche ich stärker ins Zentrum der Stadtdebatte zu rücken.

Sie wollen ein Beispiel? Schauen Sie sich mal den Alexanderplatz an, ja die ganze Gestaltung von Berlin-Mitte. Was wurde und wird hier gestritten: Soll man das Mittelalter wieder aufbauen oder die DDR-Planung übernehmen? Entweder – oder, so lief das hier lange. Das finde ich falsch. Es geht um ein Sowohl-als-auch. Auch die DDR gehört zur deutschen Geschichte: Der Fernsehturm, das Haus des Reisens, des Lehrers, die Karl-Marx-Allee. Berlin lebt von seiner Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Heute gibt es keine Grabenkämpfe mehr, und niemand will die verlorene Geschichte auf Teufel komm raus rekonstruieren, um die neueren Schichten auszuradieren.

Aber dafür musste ich mich selber extrem anpassen, mich total assimilieren. Vor allem musste ich die herrschende Streitkultur akzeptieren. Heute bin ich viel schneller, angriffiger, auch bestimmter. Als Staatssekretärin bin ich in einer politischen Position. Oft ist es ein Machtspiel, wenn wir Staatssekretäre untereinander die Vorlagen abstimmen müssen. Da habe ich gelernt: nie nachzugeben, hart zu bleiben. Oder zu behaupten, das gehe nur so.

Im persönlichen Umgang bin ich aber sehr freundlich geblieben. Auch in der Öffentlichkeit. Wenn behauptet wird, die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron hätten den Wettbewerb für das neue Museum der Moderne am Berliner Kulturforum nur gewonnen, weil da eine Swiss connection spielte, darf man das nicht persönlich nehmen, muss die Vorwürfe an sich abprallen lassen und stattdessen: erklären, erklären, erklären. Vor allem aber Begeisterung ausstrahlen, das verunsichert die Berliner. Plötzlich hintersinnen sie sich: "Muss vielleicht doch etwas dran sein."

Deutschland ist viel hierarchischer organisiert als die Schweiz, besonders in der Verwaltung. Konkret? Ich machte mit meinen Mitarbeiterinnen ein Brainstorming. Einfach mal drauflosdenken. Das Ergebnis war am nächsten Tag als Aktenvermerk zur Unterschrift auf meinem Pult. Das Brainstorming wurde als Befehl verstanden. Oder ich habe anfangs meinem Vorzimmer immer gesagt: Das und das sind die Pendenzen für heute. Kein Mensch ließ sich etwas anmerken. Wochen später kamen sie zu mir: Sie hätten im Duden, im Internet nachgeschaut aber hätten nirgends das Wort "Pendenzen" gefunden. Man wird als Chefin in Deutschland viel weniger hinterfragt – aber dafür lassen einen die Mitarbeiter auch fast verhungern. Sie lachen! Als ich neu hier war, merkte ich: Niemand geht Mittag essen. Bis ich kapierte: Aha, hier gibt es eine Stullen-Kultur. Jeder bringt sein eigenes Brötchen mit.

Das hat sich aber stark verändert. Die Hierarchien sind flacher, es herrscht mehr Menschlichkeit. Man erzählt sich gegenseitig von seinen Ferien oder fragt nach, wenn jemand krank ist. Diese Herzenskälte von damals ist nicht mehr. Im Gegenteil. Vielleicht ist das ein Stück Schweiz, das ich in die Berliner Büros gebracht habe.

"Mir wurde eine übertriebene Helvetophilie zuteil"

Er versteht was von Freiheit

Thomas Straubhaar, 60, geboren in Unterseen

Nein, die Deutschen hatten es nicht einfach in der Schweiz, damals, Ende der achtziger Jahre. Mehrfach erlebte ich, wie meine deutschen Uni-Kollegen und deren Familien in Verhaltensfallen gelockt wurden, aus denen es kein Entrinnen gab. Versuchten Norddeutsche Mundart zu sprechen, um den Eidgenossen ihre guten Integrationsabsichten zu signalisieren, wurde ihnen das als plumpe Anbiederung ausgelegt, die bitte zu unterlassen sei. Also blieben meine Bekannten beim Hochdeutschen – was mit einem "typisch deutsch" quittiert wurde.

Dann kam ich Anfang der neunziger Jahre nach Hamburg und erlebte das pure Gegenteil. Eine Helvetophilie wurde mir zuteil, die ich eher übertrieben, teilweise naiv und manchmal schlicht fehl am Platze fand. Direkte Demokratie und Föderalismus, Neutralität und Unabhängigkeit, dezentrales Steuersystem und Sprachenvielfalt, später der Franken als starke Alternative zum schwachen Euro – ständig und überall wurde ich darauf angesprochen. Und weil ich meine erste Professur an der Universität der Bundeswehr hatte, interessierte selbst meine Karriere als Milizoffizier; vor allem die Tatsache, dass bei mir zu Hause im Kleiderschrank ein halbautomatisches Sturmgewehr gestanden hatte, inklusive Munition.

Niemand verstand, wieso ich die wunderschöne Schweiz verlassen hatte, um im hohen Norden zu leben. Entsprechend herzlich und respektvoll wurde ich behandelt. Was für ein Kontrast zum Leben der Deutschen in der Schweiz!

Als Schweizer galt ich in Hamburg als genuiner Experte, wenn es um die Freiheit des Einzelnen gegenüber Staat und Obrigkeit ging. Unzählige Vorträge habe ich zum Cappuccino-Modell der schweizerischen Altersvorsorge gehalten und dargelegt, wie die umlagefinanzierte staatliche AHV als koffeinhaltige Grundlage dient, die kapitalgedeckten betrieblichen Pensionskassen zum Auffüllen als heiße Milch und das steuerlich privilegierte private Sparen als Schaumhäubchen zur Abrundung des perfekten Geschmacks. Das Interesse am Erfolg des Drei-Säulen-Modells war enorm, ebenso der Wille, ihm nachzueifern. Und tatsächlich ist das deutsche Rentensystem etwas schweizerischer geworden. Neben gesetzlicher Rentenversicherung und betrieblicher Vorsorgeeinrichtungen sind 2002 und 2005 steuerlich geförderte Riester- und Rürup-Renten eingerichtet worden.

Auch über den flexiblen Schweizer Arbeitsmarkt musste ich in Wirtschaftskreisen immer wieder berichten. Dass Gewerkschaften und Flächentarife eine geringe, betriebliche Vereinbarungen hingegen eine dominante Rolle spielen, das erstaunte viele. Dass der Kündigungsschutz eine vergleichsweise schwache und Regulierungen insgesamt eine bescheidene Wirkungskraft entfalten, fanden andere nachahmenswert. Auch hier hat sich Deutschland seit den Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Regierung unter Bundeskanzler Schröder etwas "verschweizert" – und damit zum Guten verändert. Mit 2,5 Millionen Arbeitslosen liegt die Zahl der Menschen ohne Beschäftigung zurzeit auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung, und mit mehr als 44 Millionen Erwerbstätigen ist ein Allzeithoch erreicht.

Am aufmerksamsten allerdings hörten die Deutschen zu, wenn ich über das Bankgeheimnis sprach. Also auch darüber, wie man sein Geld im Alpenland in Sicherheit bringen könne – das war, bevor Finanzminister Steinbrück mit dem Einmarsch der Kavallerie drohte. Seit das Bankgeheimnis geschleift ist und deutsche Finanzämter dank wie auch immer beschaffter Steuer-CDs die Namen von Steuerflüchtlingen kennen, hat das Interesse für Geldtransporte oder die Verlagerung des Wohnortes in den Süden etwas nachgelassen. Diesbezüglich wurde die Schweiz eingedeutscht.

Aber da war noch was. 2016 fand eine Schweizer Abstimmung in Deutschland große Beachtung. Es ging um die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Was ich vor zehn Jahren auf Einladung des damaligen thüringischen Ministerpräsidenten, Dieter Althaus, entwickeln und in vielen politischen Gremien vortragen durfte, war ursprünglich inspiriert von Ideen eines dritten Wegs. Der Verbindung von Kapitalismus und Sozialismus, wie sie Ota Šik an der Hochschule St. Gallen entwickelt hatte, oder der negativen Einkommensteuer, die Silvio Borner zuerst in St. Gallen und danach an der Uni Basel diskutierte. Mit meiner pragmatischen Schweizer Ader wollte ich mithelfen, die für das Nachkriegsdeutschland so prägende soziale Marktwirtschaft zu modernisieren. Für Deutschland kamen diese neuen Ideen zu früh, die Turbulenzen der Finanzmarktkrise waren zu stark. Dass ausgerechnet in der so viel wohlhabenderen Schweiz das Thema massentauglich wurde, half auch hierzulande, das Thema voranzubringen. So wird bei der Bundestagswahl am 24. September auch eine Grundeinkommens-Partei antreten. Mal abwarten, ob es nun Deutschland ist, das der Schweiz bei der Modernisierung der Wirtschafts- und Sozialpolitik vorangehen wird.

"Es lebe die Völkerfreundschaft!"

Er spricht mit der AfD

Milo Rau, 40, geboren in Bern

Dass ich Schweizer bin, hat in Deutschland nie eine Rolle gespielt. Noch nie hat mich eine Dramaturgie zu überreden versucht, ein Schweizer Thema zur Grundlage einer Inszenierung zu machen. Natürlich, ab und zu nennt ein Journalist mein künstlerisches Verhalten "schweizerisch" (oder, wenn es volkstümlicher sein soll: "helvetisch"). Etwa wenn erklärt werden soll, wie es möglich war, in Putins Moskau einen Prozess gegen die Regierung (Die Moskauer Prozesse) oder im kongolesischen Bürgerkriegsgebiet ein Tribunal gegen die internationalen Firmen (Das Kongo Tribunal) zu organisieren. Da heißt es dann: Das liegt an der Neutralität der Schweiz, das liegt an Ihrem Vertrauen in die Gerechtigkeit, in die politische Debatte, dass Sie das gemacht haben. Obwohl ich sagen würde, dass Gerechtigkeit und Neutralität zwei gegensätzliche Konzepte sind: Was die Russen angeht, so dachten sie bis zu meiner Ausweisung, zu der die Moskauer Prozesse leider geführt haben, ich sei Deutscher. Ich konnte sie nicht davon abbringen. Die Existenz einer Zwergnation wie der Schweiz kam den russischen Medien unnötig, fast kleinlich vor, wie eine Art alpine Krim. Und was die Kongolesen angeht: Für sie bin ich einfach Europäer.

Doch, jetzt erinnere ich mich: Ein Mal wurde ich in Deutschland gecastet, weil ich Schweizer bin. Als es gegen Ende der nuller Jahre einen Volksentscheid geben sollte zur Zukunft des Flughafens Tempelhof, da sollte ich einem lokalen Sender erklären, was das eigentlich ist: ein Volksentscheid. Man war der Meinung, dass ich als Schweizer "mit dem Instrument der direkten Demokratie aus langer Erfahrung umgehen und viel darüber erzählen" könne – wie man mir am Telefon sagte.

Das fand ich seltsam, denn die Berliner handhaben das Instrument der direkten Demokratie viel effektiver als wir Schweizer. Die Volksbefragungen, die hier in den dreißiger Jahren durchgeführt wurden, haben jeweils zu fast hundertprozentiger Einstimmigkeit geführt. Ebenso im Kongo und in Russland: fast hundertprozentige Einigkeit bei allen Abstimmungen und Wahlen. Als ich vor ein paar Wochen in Kinshasa an einer Schmiererei vorbeifuhr ("Nieder mit Kabila"), lachte der Taxifahrer und sagte: "Das war wohl das eine Prozent." Kurz: In normalen Ländern sind die Minderheiten so klein, dass sie automatisch im Unrecht sind. In der Schweiz dagegen sind die Abstimmungsresultate meistens so knapp, dass sogar die Gewinner sich im Unrecht fühlen. Weshalb die Entscheide ja oft auch nicht umgesetzt werden.

Als ich also vom Berliner Lokalsender angefragt wurde, ihnen die direkte Demokratie zu erklären, hätte ich gern mit den Worten des amerikanischen Schriftstellers Louis Begley geantwortet: "Ich bin bloß Treibgut, untergetaucht und hochgespült, ausgelaugt und gestrandet, kann keine Bestimmung für mich erkennen." Aber natürlich hätte ein nihilistisches Zitat schlecht in eine Vorabendsendung mit dem Titel Zuhause in Berlin und Brandenburg gepasst. Und damit begann das Rollenspiel. Da mein St. Galler Akzent mit seinen offenen Vokalen eher nach Österreich oder Süddeutschland klingt, wurde ich aufgefordert, "schweizerischer" zu reden. Ich gab mein Interview deshalb im Zürcher Dialekt. Das Problem war: Dadurch fühlte ich mich von aller Ernsthaftigkeit befreit. Ich fantasierte also über ein Art Rousseausche Ur-Demokratie, in der alles per Handheben gelöst wird. Männer, Frauen, Kinder: Die volonté générale verbinde uns in der Schweiz alle, behauptete ich. Von früh bis spät debattierten wir, sagte ich. Ich wurde dann aus dem Beitrag geschnitten.

Genau bedacht war meine Rolle aber nicht völlig aus der Luft gegriffen. Immer wieder heißt es, ich würde "mit allen" reden, eben wie ein echter Demokrat. In einer Talkshow, die ich 2013 eine Weile lang in der Schweizer Botschaft in Berlin veranstaltet habe, waren Rechtsradikale und Islamisten eingeladen, antisemitische Palästinenser diskutierten mit Israel-Fanatikern. Auch bin ich einer der wenigen Künstler, der im deutschen Radio mit AfD-Politikern gesprochen hat. Möglich, dass ich dafür Schweizer sein muss: Angehöriger eines Volkes, das dank der SVP seit Jahrzehnten mit derart radikalen Ansichten konfrontiert ist, dass ihm zu jedem noch so absurden Argument ein Gegenargument einfällt. Und das macht wohl, muss man leider sagen, auch die spezifische Amoralität des Schweizers aus. Da in der Schweiz – ganz anders als in Deutschland – mehr oder weniger alles gesagt und vertreten werden kann, egal ob es gleich mehrere Artikel der Verfassung verletzt, wird irgendwann alles egal.

"Warum sind diese Plakate eigentlich nicht alle längst runtergerissen worden?", fragen meine deutschen Freunde verwirrt, wenn sie am Zürcher Hauptbahnhof die neuesten rechtsnationalen Kampagnen-Sujets sehen. "Daran gewöhnt man sich eben", sage ich dann peinlich berührt. Und nachts mache ich mich zusammen mit meinen deutschen Freunden auf, um sie herunterzureißen. Es lebe die Völkerfreundschaft!