Sie will Berlin vereinen

Regula Lüscher, 55, geboren in Basel

Immer wenn ich zurück in der Schweiz bin, sagt meine Mutter zu mir: "Du bist rääf geworden." Kratzbürstig. Berlin hat mich in den zehn Jahren, die ich nun hier bin, deutscher gemacht. Aber ich habe die Stadt als Staatssekretärin auch verschweizert. Ein bisschen zumindest.

Wieso ich lache? Weil ich das mit einem Running Gag geschafft habe. Ich sage immer: "Vorwärts machen, vorwärts machen." Eine Schweizerin, die auf Zack ist, das halten die Berliner für einen Witz, weil die Schweizer den Ruf haben, langsam zu sein. Dieses Moment nutze ich für mich.

Als ich in Berlin anfing, fiel mir als Erstes auf, dass hier immer die Differenzen betont werden. Egal, ob auf Podien oder bei Projekten. Das macht das Ganze zwar interessant, man fetzt sich, es geht etwas. Aber vorwärts kommt man damit nicht unbedingt. Ich wurde in der Schweiz anders sozialisiert: Man sucht eher das Verbindende, weniger das Trennende. Das versuche ich stärker ins Zentrum der Stadtdebatte zu rücken.

Sie wollen ein Beispiel? Schauen Sie sich mal den Alexanderplatz an, ja die ganze Gestaltung von Berlin-Mitte. Was wurde und wird hier gestritten: Soll man das Mittelalter wieder aufbauen oder die DDR-Planung übernehmen? Entweder – oder, so lief das hier lange. Das finde ich falsch. Es geht um ein Sowohl-als-auch. Auch die DDR gehört zur deutschen Geschichte: Der Fernsehturm, das Haus des Reisens, des Lehrers, die Karl-Marx-Allee. Berlin lebt von seiner Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Heute gibt es keine Grabenkämpfe mehr, und niemand will die verlorene Geschichte auf Teufel komm raus rekonstruieren, um die neueren Schichten auszuradieren.

Aber dafür musste ich mich selber extrem anpassen, mich total assimilieren. Vor allem musste ich die herrschende Streitkultur akzeptieren. Heute bin ich viel schneller, angriffiger, auch bestimmter. Als Staatssekretärin bin ich in einer politischen Position. Oft ist es ein Machtspiel, wenn wir Staatssekretäre untereinander die Vorlagen abstimmen müssen. Da habe ich gelernt: nie nachzugeben, hart zu bleiben. Oder zu behaupten, das gehe nur so.

Im persönlichen Umgang bin ich aber sehr freundlich geblieben. Auch in der Öffentlichkeit. Wenn behauptet wird, die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron hätten den Wettbewerb für das neue Museum der Moderne am Berliner Kulturforum nur gewonnen, weil da eine Swiss connection spielte, darf man das nicht persönlich nehmen, muss die Vorwürfe an sich abprallen lassen und stattdessen: erklären, erklären, erklären. Vor allem aber Begeisterung ausstrahlen, das verunsichert die Berliner. Plötzlich hintersinnen sie sich: "Muss vielleicht doch etwas dran sein."

Deutschland ist viel hierarchischer organisiert als die Schweiz, besonders in der Verwaltung. Konkret? Ich machte mit meinen Mitarbeiterinnen ein Brainstorming. Einfach mal drauflosdenken. Das Ergebnis war am nächsten Tag als Aktenvermerk zur Unterschrift auf meinem Pult. Das Brainstorming wurde als Befehl verstanden. Oder ich habe anfangs meinem Vorzimmer immer gesagt: Das und das sind die Pendenzen für heute. Kein Mensch ließ sich etwas anmerken. Wochen später kamen sie zu mir: Sie hätten im Duden, im Internet nachgeschaut aber hätten nirgends das Wort "Pendenzen" gefunden. Man wird als Chefin in Deutschland viel weniger hinterfragt – aber dafür lassen einen die Mitarbeiter auch fast verhungern. Sie lachen! Als ich neu hier war, merkte ich: Niemand geht Mittag essen. Bis ich kapierte: Aha, hier gibt es eine Stullen-Kultur. Jeder bringt sein eigenes Brötchen mit.

Das hat sich aber stark verändert. Die Hierarchien sind flacher, es herrscht mehr Menschlichkeit. Man erzählt sich gegenseitig von seinen Ferien oder fragt nach, wenn jemand krank ist. Diese Herzenskälte von damals ist nicht mehr. Im Gegenteil. Vielleicht ist das ein Stück Schweiz, das ich in die Berliner Büros gebracht habe.