Er versteht was von Freiheit

Thomas Straubhaar, 60, geboren in Unterseen

Nein, die Deutschen hatten es nicht einfach in der Schweiz, damals, Ende der achtziger Jahre. Mehrfach erlebte ich, wie meine deutschen Uni-Kollegen und deren Familien in Verhaltensfallen gelockt wurden, aus denen es kein Entrinnen gab. Versuchten Norddeutsche Mundart zu sprechen, um den Eidgenossen ihre guten Integrationsabsichten zu signalisieren, wurde ihnen das als plumpe Anbiederung ausgelegt, die bitte zu unterlassen sei. Also blieben meine Bekannten beim Hochdeutschen – was mit einem "typisch deutsch" quittiert wurde.

Dann kam ich Anfang der neunziger Jahre nach Hamburg und erlebte das pure Gegenteil. Eine Helvetophilie wurde mir zuteil, die ich eher übertrieben, teilweise naiv und manchmal schlicht fehl am Platze fand. Direkte Demokratie und Föderalismus, Neutralität und Unabhängigkeit, dezentrales Steuersystem und Sprachenvielfalt, später der Franken als starke Alternative zum schwachen Euro – ständig und überall wurde ich darauf angesprochen. Und weil ich meine erste Professur an der Universität der Bundeswehr hatte, interessierte selbst meine Karriere als Milizoffizier; vor allem die Tatsache, dass bei mir zu Hause im Kleiderschrank ein halbautomatisches Sturmgewehr gestanden hatte, inklusive Munition.

Niemand verstand, wieso ich die wunderschöne Schweiz verlassen hatte, um im hohen Norden zu leben. Entsprechend herzlich und respektvoll wurde ich behandelt. Was für ein Kontrast zum Leben der Deutschen in der Schweiz!

Als Schweizer galt ich in Hamburg als genuiner Experte, wenn es um die Freiheit des Einzelnen gegenüber Staat und Obrigkeit ging. Unzählige Vorträge habe ich zum Cappuccino-Modell der schweizerischen Altersvorsorge gehalten und dargelegt, wie die umlagefinanzierte staatliche AHV als koffeinhaltige Grundlage dient, die kapitalgedeckten betrieblichen Pensionskassen zum Auffüllen als heiße Milch und das steuerlich privilegierte private Sparen als Schaumhäubchen zur Abrundung des perfekten Geschmacks. Das Interesse am Erfolg des Drei-Säulen-Modells war enorm, ebenso der Wille, ihm nachzueifern. Und tatsächlich ist das deutsche Rentensystem etwas schweizerischer geworden. Neben gesetzlicher Rentenversicherung und betrieblicher Vorsorgeeinrichtungen sind 2002 und 2005 steuerlich geförderte Riester- und Rürup-Renten eingerichtet worden.

Auch über den flexiblen Schweizer Arbeitsmarkt musste ich in Wirtschaftskreisen immer wieder berichten. Dass Gewerkschaften und Flächentarife eine geringe, betriebliche Vereinbarungen hingegen eine dominante Rolle spielen, das erstaunte viele. Dass der Kündigungsschutz eine vergleichsweise schwache und Regulierungen insgesamt eine bescheidene Wirkungskraft entfalten, fanden andere nachahmenswert. Auch hier hat sich Deutschland seit den Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Regierung unter Bundeskanzler Schröder etwas "verschweizert" – und damit zum Guten verändert. Mit 2,5 Millionen Arbeitslosen liegt die Zahl der Menschen ohne Beschäftigung zurzeit auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung, und mit mehr als 44 Millionen Erwerbstätigen ist ein Allzeithoch erreicht.

Am aufmerksamsten allerdings hörten die Deutschen zu, wenn ich über das Bankgeheimnis sprach. Also auch darüber, wie man sein Geld im Alpenland in Sicherheit bringen könne – das war, bevor Finanzminister Steinbrück mit dem Einmarsch der Kavallerie drohte. Seit das Bankgeheimnis geschleift ist und deutsche Finanzämter dank wie auch immer beschaffter Steuer-CDs die Namen von Steuerflüchtlingen kennen, hat das Interesse für Geldtransporte oder die Verlagerung des Wohnortes in den Süden etwas nachgelassen. Diesbezüglich wurde die Schweiz eingedeutscht.

Aber da war noch was. 2016 fand eine Schweizer Abstimmung in Deutschland große Beachtung. Es ging um die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Was ich vor zehn Jahren auf Einladung des damaligen thüringischen Ministerpräsidenten, Dieter Althaus, entwickeln und in vielen politischen Gremien vortragen durfte, war ursprünglich inspiriert von Ideen eines dritten Wegs. Der Verbindung von Kapitalismus und Sozialismus, wie sie Ota Šik an der Hochschule St. Gallen entwickelt hatte, oder der negativen Einkommensteuer, die Silvio Borner zuerst in St. Gallen und danach an der Uni Basel diskutierte. Mit meiner pragmatischen Schweizer Ader wollte ich mithelfen, die für das Nachkriegsdeutschland so prägende soziale Marktwirtschaft zu modernisieren. Für Deutschland kamen diese neuen Ideen zu früh, die Turbulenzen der Finanzmarktkrise waren zu stark. Dass ausgerechnet in der so viel wohlhabenderen Schweiz das Thema massentauglich wurde, half auch hierzulande, das Thema voranzubringen. So wird bei der Bundestagswahl am 24. September auch eine Grundeinkommens-Partei antreten. Mal abwarten, ob es nun Deutschland ist, das der Schweiz bei der Modernisierung der Wirtschafts- und Sozialpolitik vorangehen wird.