Dieses kümmerliche Blatt eines Nopal-Kaktus habe ich aus Spanien im Koffer nach Deutschland geschleppt (was wahrscheinlich streng verboten ist), nicht damit er mich an Spanien erinnert, sondern an Mexiko, Land der Kakteen. Ein Ersatzkaktus sozusagen, der jetzt bei mir nicht auf dem Balkon – viel zu kalt! –, sondern auf der Fensterbank steht.

In Mexiko gibt es um die zweihundert verschiedene Kakteenarten, unter ihnen die saguaros, seltsame Armleuchter, die organos, Orgelpfeifen, und asiento de la suegra, Sitz der Schwiegermutter, ein kugeliger, besonders stachliger Kaktus. Mein Liebling ist jedoch der Nopal, der mit seinen ovalen Blättern gigantische olivgrüne Skulpturen vor den stahlblauen Himmel wachsen lässt. Früher fand ich Kakteenliebhaber in Deutschland doof, die verstaubt wirkende Miniaturkakteen in winzigen Töpfchen halten, aber in meiner Sehnsucht nach Mexiko habe ich diesen Nopal in eigens ausgegrabener Erde seiner Mutterpflanze in einer Plastiktüte mitgebracht und gehofft, dass er den Betrug nicht merkt. Zu Hause bräuchte er jetzt nichts mehr als brütende Hitze und ab und zu einen Tropfen Wasser.

Hier aber sieht er traurig aus seinem Topf auf die permanent verregnete Straße und sehnt sich nicht nur nach Sonne und dem mexikanischen Himmel, sondern wahrscheinlich auch nach der richtigen Musik, und in seiner schwarzen Stimmung vielleicht sogar nach den Bäuerinnen in ihren weiten Röcken, die mit der Machete die jungen Blätter abschneiden, die Stacheln rausziehen und Salat aus ihnen machen. Der schmeckt nur in den ersten Minuten frisch, dann zieht er seltsame Schleimfäden, an die ich mich nie gewöhnen konnte. Mein Nopal hat in seiner Depression sogar seine teuflischen Stacheln abgeworfen. Einem Freund, der mal betrunken nachts in einen Nopal gefallen war, habe ich die ganze Nacht mit der Pinzette die Stacheln aus dem Hintern gezogen. Aber was ist ein Kaktus ohne Stacheln? Vielleicht erlöse ich ihn, meinen armen Nopal, schlachte ihn und verarbeite ihn zu Salat. Ich werde Mariachi-Musik hören, während ich ihn esse. Und morgen fahre ich dann meine Stacheln aus.