Dass der Nationalstaat dem Ende entgegentorkele, ist ein Glaubenssatz der sinnstiftenden Klasse. Wie alle Halbwahrheiten ist auch die zur Hälfte wahr. Dieses Wesen, das vor 500 Jahren mit England, Frankreich und Spanien die Weltbühne betrat, wird aus zwei Richtungen attackiert. Von oben untergräbt die Globalisierung die Grenzen mit Produkten, Investitionen und Menschen, die vor Angst und Armut fliehen. Von unten bedrängt das Subnationale, der "Identitarismus", das Nationale: Vergesst das Volk, Vorrang für Ethnie, Hautfarbe, Religion, Sexualität und Geschlecht!

Diese Kräfte fressen sich in der Tat voran. Doch umso kräftiger schlägt der Nationalstaat zurück. Jugoslawien ist in sieben Einzelstaaten zerfallen. Tschechen und Slowaken haben sich aus ihrer Zwangsehe befreit. Katalonien betreibt die Sezession. Schottland will raus aus dem Königreich, und dieses aus der EU. In Nahost schnitzen sich Kurden ihren eigenen Staat. Die UN haben mit 50 Mitgliedern angefangen, heute sind es 193. 300 Prozent Wachstum zeugen nicht von Siechtum.

Nach fünfzig Jahren Vormarsch hat die Globalisierung ihre Feinde mobilisiert. Russland hat sich aus der Weltwirtschaft zurückgezogen. Donald Trump baut Mauern. Er hat die asiatische Freihandelszone gekippt, und die EU die transatlantische. "Gebt mir Zölle", twittert Trump. Europa hat die Balkanroute dicht gemacht und versucht Gleiches auf dem Mittelmeer. London zieht die Zugbrücke gegen die EU-Invasoren hoch. Das Neue? Im 20. Jahrhundert war der Nationalismus aggressiv, heute ist er defensiv, einwärtsgekrümmt. Doch sind Souveränität und Nationalstaat so heilig wie damals.

Von unten nagt die "Diversität" (früher: "Multikulturalismus"). Die Loyalität gilt der Gruppe, und die signalisiert: Wir wollen mehr für uns – Anerkennung, Ressourcen, Status, Deutungsmacht. Das ist klassische Interessenpolitik, aber wer das Partikuläre gegen das Ganze aufbietet, läuft in eine Falle: Nur das Ganze, das demokratische Staatsvolk, kann verfügen, was X, Y, Z wollen – vom Transgender-Klo in der Schule über die Moschee um die Ecke bis zur Frauen-Quote im Vorstand. Das kleine "Wir" setzt das große voraus. Dieses wiederum erfordert das Überwölbend-Gemeinsame, das "uns im Innersten zusammenhält", wie Bundesinnenminister de Maizière den Goethe auf der 9. ZEIT -Wirtschaftskonferenz zitierte.

"Verfassungspatriotismus" funktioniere nicht; das sei ein "blutleeres Wort". Wie könne Deutschland im Namen einer freiheitlichen Verfassung, die so viele liberale Demokratien auszeichnet, "sicherheitspolitische und militärische Verantwortung" übernehmen und Opfer verlangen? Wie soll sich einer für seinen Nächsten einsetzen, wenn der ihn als Rassisten, Frauenfeind oder Islamo-/Homophoben verfemt? Wer sich verschanzt, baut keine Brücken, sondern Gräben. Ohne Zusammenhalt, die der Verpflichtung gebiert, zerfällt die Nation in lauter selbstbezogene Stämme. Das Aushandeln – der ewige politische Prozess – setzt Vertrauen und das "große Wir" voraus.

Deshalb können weder Tribalisierung noch Globalisierung den Nationalstaat verdrängen. Der ist ein zähes Geschöpf, das Imperien, Bürgerkriege und Kleinstaaterei überlebt hat. Langlebigkeit zeugt von Funktionalität. Kosmopolitismus und Identitarismus bedrängen den Nationalstaat von oben und unten, auflösen werden sie ihn nicht.