In einem bemerkenswerten Text in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sprechen die Mitglieder des Sachverständigenrates für Wirtschaft Lars Feld, Christoph Schmidt, Isabel Schnabel und Volker Wieland von der "Liebe von Ökonomen zum Markt". Sie reagieren damit auf einen Text ihres Kollegen Peter Bofinger, dem Fünften im Bunde der Wirtschaftsweisen, der zuvor in der FAZ erschienen war. Bofinger spricht sich darin für eine staatliche Industriepolitik aus, die Schlüsseltechnologien wie zum Beispiel die erneuerbaren Energien vorantreibt. Für seine vier Kollegen war das offenbar zu viel. Sie schrieben: "Laien verwechseln häufig die Liebe von Ökonomen zum Markt mit einer Liebe zu einzelnen Marktakteuren. Einem Profi sollte das nicht passieren." Bofinger, der den Markt als Ökonom doch wie sie selbst lieben sollte, geht mit der Idee einer staatlichen Industriepolitik fremd. Sie, die Monogamen, werfen ihm ein amouröses Techtelmechtel vor, das sie so nicht dulden können. Wenn du den Markt nicht wirklich liebst, dann ist Schluss, so scheint es durch den ganzen Text.

Der Sachverständigenrat soll mit Sachverstand beraten, und Liebe macht bekanntlich blind. Insofern irritiert die Wortwahl der liebestrunkenen Wirtschaftsweisen. Der Zusammenhang von romantischer Liebe und Kapitalismus ist jedoch nicht neu.

Verschiedene Autoren, besonders in der Tradition der kritischen Theorie, haben sich dieses Themas angenommen und sehen im Begehren eine "Triebfeder" (Herbert Marcuse) für Wirtschaft und Gesellschaft, die nicht nur auf ein menschliches Miteinander begrenzt ist, sondern beispielsweise auch auf Produkte ausstrahlt. In einem Kultbuch der 68er-Bewegung plädiert Wolfgang Haug zum Beispiel dafür, über ein Verständnis von Produkten als reinen Gebrauchswerten hinauszugehen. In der modernen Welt sei es vielmehr so, dass "wo immer eine Not, ein Bedürfnis, ein Bedarf, da bietet ein Warenbesitzer mit liebenswürdigstem Schein seinen Liebesdienst an, um alsbald die Rechnung zu präsentieren", schreibt der Autor.

Diese Überlegungen liegen schon ein Weilchen zurück, und sie haben natürlich einen politischen Anstrich aus dieser Zeit. Die Beobachtungen sind heute dennoch vermutlich noch trefflicher als vor 50 Jahren. Jedes Konsumgüter-Unternehmen weiß schließlich, dass es primär Geschichten und sekundär Produkte verkaufen muss. Da passt es doch gut, dass Dinge liebenswürdig geworden sind und eine eigene erotische Anziehungskraft entfalten können. "Ich liebe es", heißt es zum Beispiel in der McDonald’s-Werbung, "Aus Liebe zum Automobil" bei Volkswagen, um "echte Liebe" geht es bei der börsennotierten Borussia aus Dortmund.

Liebe wird andererseits jedoch nicht selten als etwas Unbedingtes gesehen, das sich mit einem ökonomischen Denken ganz und gar nicht vertragen soll. "Was bringt er oder sie mir noch?", ist eine Frage, die sich mit dem Anspruch an das Absolute der Liebe nicht verträgt. Kritik ist damit nicht mehr erlaubt. Liebst du mich etwa nicht mehr?

Mit der Formulierung aus dem Sachverständigenrat haben wir es mit einem interessanten Stück Zeitgeschichte zu tun. Es geht nicht mehr nur um eine Erotisierung von Produkten, sondern um die erotisierte Ideologisierung einer Idee – und zwar im Ökonomischen selbst. Nicht die Ökonomie, sondern eine spezifische ökonomische Organisationsform, der Markt, soll geliebt werden. Ökonomen haben den Markt bedingungslos zu lieben, ansonsten, so liest sich der Text der vier Wirtschaftsweisen, droht ihnen die Trennung.

Zum Termin beim Scheidungsanwalt passt auch eine jüngste Aussage des Ökonomen Achim Wambach. Der Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik, der Standesorganisation der Ökonomen im deutschsprachigen Raum, beschreibt den Erfolg von Diskussionen mit Kritikern der Wirtschaftswissenschaften als "durchwachsen". Begründung: "Da schwingt oft eine markt- und kapitalismuskritische Agenda mit." Auch hier klingt es, als wäre das eigentlich schon zu viel, als dürfe der Markt per se nicht infrage gestellt werden, weil man ihn doch bitte schön einfach lieben muss.

Der Sachverständigenrat macht wirtschaftswissenschaftliche Politikberatung, um damit die "Urteilsbildung bei allen wirtschaftspolitisch verantwortlichen Instanzen sowie in der Öffentlichkeit" zu erleichtern, so ist es gesetzlich festgeschrieben. Die ganz offensichtliche Frage ist, welche Urteilsbildung in der Politik und in der Öffentlichkeit eigentlich möglich ist, wenn in einem prominenten Expertengremium eine Idee monopolisiert wird. Interessanterweise kämpfen Ökonomen ansonsten ja gerne gegen Monopolbildungen und Machtkonzentrationen jedweder Art. Der Markt der eigenen Ideen scheint hier jedoch ausgeschlossen zu sein.

Was könnte man Bofinger raten? Paartherapie? Oder vielleicht doch eher das, was die Jugendzeitschrift Twen in den 1960er Jahren als Tipp für die Zeit nach einer Trennung parat hielt: "Werden Sie umwerfend hübsch, probieren Sie mal, was Sie noch nie probiert haben. Wenn Sie den Markt erforschen wollen, müssen Sie sich in der begehrenswertesten Verpackung anbieten". Für Peter Bofinger würde das bedeuten, sich außerhalb des Sachverständigenrats nach neuen Partnern umzuschauen.