Reihe um Reihe um Reihe fliegen die Bäume am Autofenster vorbei. Sechs Stunden dauert die Reise von der indonesischen Provinzhauptstadt Jambi zu einem der letzten Orte, an dem Orang-Utans noch in Freiheit leben. Auf Sumatra, der sechstgrößten Insel der Welt, nahe dem Äquator sollte man eigentlich bilderbuchhaftem Artenreichtum begegnen. Doch seit Stunden rollt der Geländewagen durch die geometrische Ödnis aus Palmstämmen. Wald gibt es hier schon lange nicht mehr, nur Palmölplantagen.

Auf der anderen Seite der Welt, in Chile, könnte man eine ähnliche Geschichte erzählen: mit Bauern, die 1992 europäische Erdhummeln in ihre Gewächshäuser setzten, um Tomaten bestäuben zu lassen. Ein paar Königinnen entkamen ins Freie. Ein Vierteljahrhundert später hat der Eindringling fast alle einheimischen Arten verdrängt – auf dem gesamten Kontinent.

Oder in Afrika: Im Marahoué-Nationalpark an der Elfenbeinküste lebten vor wenigen Jahren noch Waldelefanten. Als immer mehr Menschen in den Park eindrangen und sich niederließen, flohen die Tiere. Ohne Wildnis als Heimat zogen die Elefanten durchs Land, zerstörten Felder, und die Tiere, die nicht umgesiedelt werden konnten, wurden nach und nach getötet.

Oder vor der Küste von Sulawesi im Spermonde-Archipel, wo die Einheimischen mit dem Nervengift Cyanid Fische jagen und so ganze Riffe unbewohnbar machen.

Oder in Thailand, wo Gangs aus illegalen Holzfällern sich von Kambodscha über die Grenze schleichen, um in den Wäldern das letzte Rosenholz zu schlagen – kein anderes Material aus der Natur wird häufiger illegal gehandelt.

Fünf Beispiele aus verschiedenen Teilen der Erde: Sie illustrieren, weshalb dem Planeten der Artenreichtum abhandenkommt. Den Rückgang konkret zu beziffern ist schwer. Es ist ja nicht einmal klar, wie viele Arten es überhaupt gibt. 10 Millionen? 14 Millionen? Gar 100 Millionen? Wissenschaftlich beschrieben ist nur ein Bruchteil, etwa 1,4 Millionen. Die Artenzahl ist eine Dimension des Verlusts, es gibt aber auch immer weniger Individuen. Für den Living Planet Index des WWF etwa werden fast 15 000 Bestände von mehr als 3700 verschiedenen Arten überwacht. Zwischen 1970 und 2012 sanken die Bestände um durchschnittlich 58 Prozent.

Erdgeschichtlich betrachtet, sind 99 Prozent aller Arten, die je gelebt haben, verschwunden. Das Tempo macht den Unterschied. Experten schätzen, dass Arten derzeit 100- bis 1000-mal so schnell verschwinden wie in der Vergangenheit.

Einzelne Arten sind ein Indikator für den Zustand der Ökosphäre. Wichtiger ist aber der Blick auf Lebensräume. Heimische Vögel illustrieren das gut: Gegenwärtig kümmert man sich eher um bekannte Arten wie Kranich, Steinkauz oder Moorente. Das funktioniert, ihnen geht es heute recht gut. Dagegen erleiden Allerweltsarten wie Star und Feldlerche herbe Verluste.

Es spricht viel dafür, dass der Mensch längst etwas ausgelöst hat, das die Autorin Elizabeth Kolbert als "das sechste Sterben" beschrieben hat: den Verlust von einem Großteil von Spezies in einem erdgeschichtlichen Wimpernschlag. Die Population von Homo sapiens entwickelt sich prächtig, auf Kosten seiner Mitgeschöpfe. Wobei auch einige Generalisten und vor allem anspruchslose, einfache Wesen wie Quallen, Pilze und Mikroben in diesen neuen Zeiten Konjunktur haben. Um viele höher entwickelte Tiere dagegen steht es schlecht.

Die fünf Hauptgründe sind erstens der Verlust von Lebensraum etwa durch die ausufernden Palmölplantagen Indonesiens, zweitens invasive Arten wie die europäische Erdhummel in Südamerika, drittens Umweltgifte wie das Cyanid in den Riffs vor Sulawesi, viertens ein immer größer werdender Populationsdruck durch den Menschen wie im Nationalpark an der Elfenbeinküste und fünftens eine zerstörerische Nutzung, weit über jedes nachhaltige Maß hinaus, wie in den thailändischen Wäldern mit den letzten Rosenholz-Bäumen.

Homo sapiens herrscht über diese Welt, ohne sie zu wahren. Das spottet seiner Intelligenz. Auch ein kluges und anpassungsfähiges Lebewesen wie der Mensch ist auf saubere Luft und sauberes Wasser, auf Rohstoffe und Nahrung angewiesen. Nichts davon gibt es ohne funktionierende Ökosysteme.

Überleben kann man nicht allein.