Das letzte Mal, als die Ostdeutschen brüllten, wir seien ein Volk, haben die Westdeutschen das nicht ungern gehört. Man benutzte das Wort Volk im Westen zwar nicht mehr, man war irritiert, aber fühlte auch einen angenehmen Schauder des Wiedererkennens, damals im Herbst 1989: historischer Augenblick, deutsche Einheit, all das. Sie waren ein bisschen von gestern, diese nationalen Gefühle, aber nach den anstrengenden Jahrzehnten des Kalten Krieges auch schön. Denn den Sieg im Streit der Systeme errang der Westen, die Lorbeeren für den Revolutionsmut bekam der Osten, so wurde man einig – zumal das Gebrüll der Ossis in die politisch richtige Richtung ging.

Jetzt nicht mehr. Was ist da los, dass die so wütend national sind, nicht nur in Bitterfeld, sondern erst recht im perfekt restaurierten Dresden? Warum so ausländerfeindlich, kanzlerinnenfeindlich, islamfeindlich, freiheitsfeindlich, stolzdeutsch bis völkisch und obendrein mies gelaunt? Der Berliner Schriftsteller Günter de Bruyn hat es "Theorie der Abgrenzung" genannt, die den Ostdeutschen eingepaukt worden sei. Das Dogma von der sozialistischen Überlegenheit sei jahrzehntelang identitätsstiftend gewesen. De Bruyn, der den Nationalpreis der DDR abgelehnt hatte wegen "Starre, Intoleranz und Dialogunfähigkeit" seiner Regierung, sagte: 1989 kam dieser Stolz zu Tode. – Wirklich?

Im Osten lasen die Jungen Luther, Lessing, Goethe

Offenbar hat der alte Dünkel vom besseren Deutschland im Osten überlebt. Ein Verliererstolz – gespeist aus dem Bewusstsein, dass der andere einem zwar voraus, man selber aber gerade deshalb Avantgarde ist. Es gibt diesen Hochmut der Beleidigten nicht nur bei Ossis, auch bei Migranten, nicht nur bei Nazis, auch bei Salafisten, und das große historische Vorbild dafür sind die amerikanischen Südstaaten. Natürlich erklärt das den Osten nicht richtig: Bei den letzten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt erzielte die AfD ein Rekordergebnis, aber die CDU wurde wieder stärkste Partei; AfD und Linkspartei holten mehr Stimmen als die SPD. Warum?

Westdeutsche Zeitungsredakteure sagen, in Stuttgart und Essen seien die Leute auch wütend, aber anders. Dann schauen sie ihre ostdeutschen Kollegen fragend an, in der Hoffnung auf ein paar unzulässige Verallgemeinerungen über West und Ost. Bitte sehr:

Wessis und Ossis pflegen seit der Teilung Deutschlands einen unterschiedlichen Umgang mit dem Nationalen. Davon lebt bis heute der deutsch-deutsche Zwist. 1949 begann der Westen sich zu internationalisieren, während im Osten zwei deutsche Erzählungen parallel liefen: die vom verheerenden Nationalsozialismus und die von der unverzichtbaren Nationalkultur. Die DDR pochte auf das "Erbe", und noch die junge Generation der Ostdeutschen, die 1989 Abitur machte, hatte ihren Luther, Lessing, Schiller, Goethe, Herder, Heine gelesen. Im Westen las diese Generation lieber gleich Plenzdorf.

Nach der Wende ist der Konflikt zwischen den verschiedenen Arten des Deutschseins eskaliert. Zuerst im Einheitsstreit, dann im Einheitsdenkmal-Streit, später in der "Normalisierungsdebatte", gipfelnd in der fatalen Forderung: Schaut nicht nur auf die Opfer der Deutschen, sondern endlich auf die deutschen Opfer! Vor allem Westdeutsche übten sich in nachgeholter Selbstgerechtigkeit. Nebenbei erstarkten in Thüringen die Kameradschaften, eroberten westliche Vordenker der Neuen Rechten Sachsen, wurden rechtsradikale Gewalttaten als Bagatelldelikte verhandelt und mordete unbehelligt der NSU.

Man kann sagen: Im Schatten des gesamtdeutschen Erfolges gediehen das Völkische und die Wut. Dass die Zahl der Sozialverlierer auch im Westen zunahm, während Politik und Medien die Stimmung verbreiteten: Alles ist gut! – das besänftigte die wütenden Verlierer nicht. Namentlich Angela Merkel und Joachim Gauck schurigelten ihre Landsleute, wenn die soziale Härten beklagten, sie sollten froh über die Freiheit sein. So wurden Befreite zu Freiheitsfeinden, und es wuchs die Zahl der Ostalgiker. Als dann Gesamtdeutschland sein soziales Gewissen wiederentdeckte, im Jahr 2015, richtete sich die Wut gegen die Allerschwächsten: die Flüchtlinge. Es entstand eine Verliererkonkurrenz, die von Ausländerhass nicht mehr zu unterscheiden war.

Und nun? Die Nazis niederbrüllen oder für Wutbürger Verständnis haben? Sagen wir so: Das "Volk" zeigt im Osten jetzt ein so hässliches Gesicht, dass es schwerer denn je fällt, hinter der Wut auch die Not zu sehen. Aber sie ist da.

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