Am auffälligsten sind die Unterschiede dort, wo die Parteien sich einig sind, etwa beim Bargeld. Ob CDU, FDP, AfD oder SPD – sie alle sind dafür, das Bargeld zu erhalten. Doch jeder formuliert es auf seine Weise.

Die AfD warnt in ihrem Wahlprogramm: "Unser Bargeld ist in Gefahr." Der Internationale Währungsfonds und die Europäische Zentralbank bereiteten die "schleichende Abschaffung" des Bargelds vor, unterstützt von der Bundesregierung. Es drohten "Enteignung", "totale Kontrolle" und "Vollüberwachung bis hinein in private, ja intime Lebensbereiche". Die AfD fordert deshalb den "dauerhaften Erhalt der uneingeschränkten Bargeldnutzung als wichtiges bürgerliches Freiheitsrecht". Das Bild, das die Partei von Deutschland zeichnet, ist schrill und alarmistisch; ihr Programm gleicht einer einzigen Gefahrenabwehr.

Wo die AfD Gefahren wähnt, sieht die FDP fast überall Chancen, das gilt vor allem für die Digitalisierung, den Dreh- und Angelpunkt des neuen liberalen Selbstverständnisses. Münzen und Scheine wollen die Freien Demokraten trotzdem erhalten, denn: "Bargeld ist geprägte Freiheit." Weil die Lindner-FDP aber nie wieder herzlos und abgehoben daherkommen will, führt sie an dieser Stelle nicht nur die Freiheit ins Feld, sondern auch die Kinder. Das Bargeld erfülle "eine wertvolle Rolle bei der Erziehung (...) Denn der Umgang mit Geld lernt sich am besten mit Scheinen und Münzen."

Wahlprogramme sind eine mühsame Lektüre, viele Spiegelstriche, wenig Witz. Auch ist die Halbwertszeit der Positionen häufig begrenzt. Die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, die die SPD in ihrem Wahlprogramm noch verteidigt, will sie nun abbrechen. Und die Ehe für alle, ohne die weder die Grünen noch FDP oder SPD eine Koalition eingehen wollten, ist längst beschlossen. Trotzdem, wer sich die Mühe macht und die Programme liest, erfährt eine Menge. Denn in ihren Programmen präsentieren sich die Parteien weitgehend unverstellt, die Texte sind erkennbar nicht von Werbeleuten formuliert.

"Auch im Zeitalter der Digitalisierung bleibt das Bargeld ein wichtiges Zahlungsmittel", stellen CDU und CSU nüchtern fest. Ohnehin ist das "Regierungsprogramm" der Union deutlich kürzer als die Schriften der Konkurrenz. Was will man nach zwölf Jahren im Kanzleramt auch noch versprechen? Trotzdem vergessen CDU und CSU nicht, zu erwähnen, dass sie neben dem Bargeld auch für "leistungsfähige und sichere digitale Bezahlsysteme" eintreten. Maß und Mitte, sogar bei den Bezahlsystemen – das Ungefähre, nach allen Seiten Anschlussfähige, das die Ära Merkel kennzeichnet, spiegelt sich auch hier.

Die wichtigste Erkenntnis aus der Lektüre der Programme: Es gibt Unterschiede. Tatsächlich kann man am 24. September wählen zwischen einem Land mit höheren oder niedrigeren Steuern, mit mehr oder weniger Migranten, mit Dieselmotoren oder ohne. Doch nicht nur die Positionen in den einzelnen Politikfeldern fallen auseinander. Unterschiedlich sind auch die Bilder, die die Parteien von Deutschland zeichnen. Von dem Deutschland, das ist, und von dem, wie es sein soll.

Recht grob kann man zwischen zwei Typen von Wahlprogrammen unterscheiden. Die von CDU/CSU, SPD, Grünen und FDP sind "Ja, aber"-Programme. Sie beschreiben Deutschland als gutes, wirtschaftlich erfolgreiches und gesellschaftlich offenes Land, in dem – aber – noch einiges zu tun bleibt. Mal wird das Ja größer geschrieben, mal das Aber, je nachdem ob die Partei zuletzt regiert hat oder nicht. Die Union wähnt sich rundheraus "im schönsten und besten Deutschland, das wir je hatten". Da will der Koalitionspartner nicht nachstehen: "Unser Land ist heute demokratischer, offener, moderner und freier als jemals zuvor", schreibt die SPD. Auch die FDP hat gelernt, dass man das Land, das man regieren will, nicht schlechtreden darf. Also geht es in ihrem Programm um "brachliegende Potenziale", um "Möglichkeiten, die darauf warten, von uns beim Schopfe gepackt zu werden". Im Duktus eines aufgekratzten Fitnesstrainers formuliert die FDP: "Werden wir wieder das Land, das in uns steckt!"

Die Linke und die AfD dagegen gründen ihr Programm auf einem scharfen "Entweder-oder". Das Deutschland, das sie vor Augen haben, ist kein gutes Land. Ihre Wahlprogramme sind Gegenentwürfe, sie formulieren Alternativen zur bestehenden Ordnung. Der Gegner, den die Linke bekämpft, ist ein alter Bekannter: der neoliberale Kapitalismus. "Wollen wir (...) die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vertiefen?", fragt die Partei rhetorisch. "Oder sind wir bereit, uns mit den Reichen und Mächtigen anzulegen?" Die Antwort liegt auf der Hand, Ziel der Linken bleibt "ein anderes Wirtschaftssystem", "ein neuer Sozialismus".

Ähnlich radikal stellt die AfD die bestehende Ordnung infrage. Allerdings verläuft die Kluft, aus der sie ihre Kraft schöpft, nicht zwischen Arm und Reich. Die AfD lehnt sowohl Erbschaft- wie Vermögenssteuer ab; und Alleinerziehende müssen sich fragen lassen, ob ihre Lebenssituation "schicksalhaft, durch Selbstverschulden oder auf Grund eigener Entscheidungen zustande gekommen ist". Kraft gewinnt die AfD aus der von ihr beschworenen Spannung zwischen einer "kleinen, machtvollen politischen Oligarchie" und dem "deutschen Volk".

Sie sind noch nicht entschieden? Wer Wahlprogramme liest, kann jedenfalls nicht behaupten, es gebe in Deutschland keine Alternativen.