Quereinsteiger gesucht – Seite 1

Jana Koch sieht aus, als hätte sie sich verkleidet, als hätte sie ihrem Vater den Sonntagsanzug stibitzt. Der schwarze Talar ist ihr viel zu groß. Man ist versucht zu sagen: Da wächst du schon noch rein. Würdevoll schreitet sie durch die Kirche, zumindest gibt sie sich große Mühe, wie eine echte Pfarrerin zu wirken. Kopf hoch, Brust raus, die Bibel vor dem Bauch. Koch ist eine von viel zu wenigen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat ein Nachwuchsproblem. Den Landeskirchen droht in den kommenden Jahren der Pfarrermangel. Bis 2030 gehen Hunderte Pastorinnen und Pastoren in Rente. Allein in Hessen-Nassau werden zwischen 2019 und 2029 etwa 80 bis 100 Pfarrer jährlich in den Ruhestand gehen. Sie hinterlassen offene Pfarrstellen, die nicht neu besetzt werden können, sollte der Nachwuchs weiterhin ausbleiben. Auch der demografische Wandel kann diese Entwicklung nicht vollständig abfedern. Nur die Hälfte wird sich am anderen Ende der Demografie für das altehrwürdige Amt begeistern lassen. Jana Koch, das hofft die EKD, wird es richten.

Im rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim probiert die 18-Jährige aus, was später einmal ihr Alltag sein soll. Der Seminarort ist ein beschauliches Städtchen in der Pfalz, die Bahn dorthin gondelt aus Mannheim heraus und dann langsam von einem Weinberg zum nächsten. Es ist grün hier und friedlich. Fast so, als wäre die Welt in Bad Dürkheim noch ein bisschen mehr in Ordnung als anderswo. Die evangelische Jugendbildungsstätte liegt erhöht über dem Ort. Neben den Nachwuchspfarrern residieren hier auch kleine Jungen mit ihrem Fußballverein und zahlreiche andere Jugendgruppen.

Das Seminar ist Teil der EKD-weiten Kampagne "Das volle Leben", die Studienanfängern den Pfarrberuf schmackhaft machen und somit das Unglück abwenden soll. Acht weitere Teilnehmer sind der Einladung gefolgt, manche stehen kurz vor dem Abitur, andere sind bereits im Studium. Die meisten Teilnehmer haben über einen Religionslehrer oder Pfarrer direkt von der Veranstaltung in Bad Dürkheim erfahren. Wirklich Kirchenferne erreicht so ein Nachwuchswochenende nicht. Die Kirche rekrutiert sich aus sich selbst.

Jana Koch war im Winter schon bei einer ähnlichen Veranstaltung der badischen Landeskirche gewesen, diesmal ist nun die pfälzische dran. Langsam doppeln sich die Informationen. Sie weiß: Latein, Griechisch und Hebräisch zu lernen wird anstrengend. Sie hat auch längst verstanden, wie begehrt sie ist. Und eigentlich, sonst wäre sie kaum hier, ist sie längst entschieden. Koch ist eher nach Bad Dürkheim gekommen, um sich in ihrer Entscheidung noch einmal bestärken zu lassen. Sie will Pfarrerin werden. Überzeugt hat sie das aktive und junge Pfarrerehepaar ihrer Heimatgemeinde, von der sie in fast jedem Satz begeistert erzählt. "Bei uns in der Gemeinde", sagt sie dann stolz. "Eines Tages will ich auch mal dort oben auf der Kanzel stehen, dachte ich", erzählt sie.

Aber auch Jana Koch, in all ihrer Selbstsicherheit, hat noch Zweifel. Welche Bedeutung hat eine Pfarrerin in einer immer kleiner werdenden Gemeinde noch? Werde ich nur den Niedergang verwalten? Gemeinden schließen? "Ich bin nicht bereit, die Seelsorgerin für acht verschiedene Dörfer zu sein und nach dem Sonntagsgottesdienst mit dem Auto zum nächsten zu rasen", sagt sie. Auch andere Teilnehmer fragen, ob sie sich ein solches Studium wirklich aufbürden sollen, wo der Beruf so sehr an Relevanz verliert. Und dann ist da noch die Sache mit dem Glashaus: Pfarrer seien ständig verfügbar, nirgends könne man unerkannt hingehen. Koch will nicht auf dem Präsentierteller leben. "Jeder weiß, wo das Pfarrhaus steht. Das finde ich schwierig", sagt sie. Die Länge ihres Rocks oder die Farbe ihres Nagellacks – ist das dann wirklich noch ihre Entscheidung, bei einem Amt, das so viel Würde verlangt?

Seit Jahren kämpft die Kirche gegen das Berufsbild, das sie selbst erschaffen hat. Mit der Webseite "Das volle Leben" soll das Vorurteil, der Pfarrberuf sei starr und eng, ausgeräumt werden. Vier junge und gut aussehende Nachwuchspfarrer berichten in schicken Schwarz-Weiß-Videos davon, was sie unter dem Talar tragen und warum sie einen Kirchraum gerne einmal zu einer großen Dinnerparty umgestalten würden. Die Kirche arbeitet hierfür mit einer Werbeagentur zusammen, die den Pfarrberuf internettauglich vermarkten soll. 332 Personen gefällt das bei Facebook. Zum Vergleich: Die Image-Kampagne für mehr Bewerber bei der Bundeswehr hat über 43.576 Likes.

Gemeinde kann überall stattfinden

Oberkirchenrätin Christiane de Vos, in der EKD zuständig für die theologische Ausbildung, beschwichtigt: "Facebook ist nicht mehr die Plattform, über die man junge Menschen erreicht." Eine Internetseite ohne konkrete persönliche Ansprache, sagt de Vos, könne nur eine flankierende Maßnahme sein. Die Kirche habe es schwerer als etwa ein Online-Kaufhaus. "Es geht nicht um eine Kauf-, sondern um eine Lebensentscheidung", sagt die Oberkirchenrätin. Richtig bemüht aber scheint die Kirche auch nicht zu sein, jungen Menschen diese Entscheidung zu erleichtern. Auf der Website wird gefragt: "Können wir dich unterstützen?", und dann wird eine Info-Telefonnummer genannt. Von Montag bis Freitag soll hier Auskunft erteilt werden. Wählt man jedoch die Nummer, nimmt erst nach einiger Zeit, mehreren Klingeltönen und Pausen ein Mitarbeiter des allgemeinen Infocenters der EKD den Hörer ab, weiß erst einmal nicht so recht, wieso man jetzt eigentlich bei ihm anruft, und kann erst nach mehreren Nachfragen an weitere Ansprechpartner vermitteln. Man muss schon wirklich Pfarrer werden wollen.

Auch bricht bisher keine Panik aus ob der dramatischen Lage. Die EKD lässt mitteilen, dass die Zahl der Theologiestudierenden auf Pfarramt zwischen 2007 und 2017 zugenommen hat. So waren vor zehn Jahren 4.298 auf dem Weg ins Pfarramt, in diesem Jahr sind es 6.766. Weniger beeindruckend wirkt die Zunahme allerdings, vergleicht man sie mit dem allgemeinen Anstieg der Studierendenzahlen. Genauere Daten für die Jahre dazwischen gibt die EKD auch auf mehrmalige Nachfrage nicht heraus – man sorgt sich um eine verzerrte Darstellung und verweist an den Evangelisch-Theologischen Fakultätentag. Dort wiederum heißt es, die Zahlen würden von der EKD erhoben und könnten deshalb nicht mitgeteilt werden. Eine erneute Anfrage bei der EKD wäre müßig, wo das Problem, auch wenn es sich im Einzelnen ohne die Zahlen nicht belegen lässt, längst bekannt ist: Für eine Kirche, die in weniger als zehn Jahren einen großen Teil ihrer essenziellen Mitarbeiter verliert, ist das Interesse am Pfarramt zu gering. Ist da draußen denn niemand, der sich um die Zukunft der Seelsorgeversorgung sorgt?

Fahren wir an den Ort, an dem alles begann, nach Wittenberg. Dort hat die EKD vor einigen Jahren eines von vier Reformzentren eingerichtet, das Zentrum für evangelische Predigtkultur. Hier arbeitet die Theologin und Pfarrerin Kathrin Oxen, gleich neben der Lutherstatue am Marktplatz. Sie kümmert sich um die Qualitätssicherung der Predigten, die jeden Sonntag deutschlandweit in den Gemeinden gehalten werden. Und sie ist eine von denen, die ihrer Kirche ungern zusieht beim Verkümmern. Leere Kirchen kennt sie gut – vor allem aus der frustrierten Wirklichkeit derer, die sie in "Predigt-Coachings" begleitet. "Vielen Pfarrerinnen und Pfarrern macht es zu schaffen, wenn nur wenige Menschen zum Gottesdienst kommen", sagt sie. Das zermürbe. Kathrin Oxen will, dass die Prediger das Predigen nicht aufgeben, nicht verbittern, sondern lieben, dass sie verkündigen dürfen, auch wenn ihre Arbeit nur noch wenige erreicht. Es sei schwer, mit nur fünf Leuten einen Gottesdienst wirklich zu feiern. "Ohne eine Gemeinde von einer gewissen Größe kann man es nicht auf Dauer durchhalten", sagt die Theologin.

Oxen hat selbst lange in einer kleinen Gemeinde in Mecklenburg gearbeitet. Manche Gemeinden seien zu festgelegt auf ihren Sonntagsgottesdienst. Die Dörfer seien entkirchlicht, da müsse man sich eben etwas Neues einfallen lassen. Oxen hat damals angefangen, im Radio zu predigen, und wurde plötzlich beim Friseur und in Werkstätten gehört. "Für gute Worte sind die Menschen noch immer sehr offen", sagt sie. Aber Pfarrerinnen und Pfarrer müssten beweglich bleiben und sich auch abseits der Kanzel Orte suchen, an denen sie ihre gute Botschaft weitersagen.

Was nach einem flexiblen Berufsbild klingt, ist inzwischen eine weitere Bedrohung für die Landeskirchen geworden: Früher schickte die Kirche ihre Pfarrer dorthin, wo sie wollte. Heute suchen sich Geistliche teilweise selbst aus, wo sie das Wort verkündigen wollen. Landeskirchengrenzen spielen dabei eine geringere Rolle. Die Flexibilität gipfelt darin, dass die EKD-Stellenbörse mittlerweile Anzeigen wie aus Aurich-Walle aufweist. "Ein geräumiges, attraktives und energetisch saniertes Pfarrhaus mit abgegrenztem Dienstbereich und einem wunderschönen Garten" soll Pfarrer nach Ostfriesland locken. Ob das junge Leute überzeugt?

Gemeinde kann überall stattfinden, findet auch Jana Koch. Sie hofft, dass mit ihrer Generation frischer Wind in die Kirche kommt. In zehn Jahren sehe alles schon ganz anders aus. Abends in Bad Dürkheim stellt sie sich mit den anderen Nachwuchspfarrern in einen Kreis. Ein Mitarbeiter sagt: "Schaut euch gegenseitig ins Gesicht, ihr seid die Kirche von morgen!" Es könnte eine kleinere Kirche werden.