DIE ZEIT: Frau Donalies, Sie haben sich in einem linguistischen Aufsatz ausführlich mit der Benennung von Speisen beschäftigt. Schon beim Lesen läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Haben Sie ein Lieblingsessen?

Elke Donalies: Puh, das kann ich nicht sagen. Wenn ich zum Schafott geführt würde und meine Henkersmahlzeit nennen müsste, hätte ich ein Problem. Ich koche einfach leidenschaftlich gerne und gut – quer durch alle kulinarischen Kulturen. Das ist auch der Grund, warum ich mich dafür interessiere, wie Menschen Speisen benennen.

ZEIT: Damit etwas nachgekocht wird, muss der Name Interesse wecken. Wie gelingt das sprachlich am besten?

Donalies: Das kommt ein bisschen darauf an, wonach einer sucht und was für ein Koch er ist. Braucht er schnell ein Rezept, bei dem auf den ersten Blick klar sein muss, was es ist, sind kurze, klare Bezeichnungen am besten. Zum Beispiel "Kürbis-Bratkartoffeln mit Pekannüssen" oder "Leckere Lauch-Käse-Suppe". Wer Zeit hat und vielleicht, so wie ich, eher experimentell und neugierig veranlagt ist, möchte überrascht oder stutzig gemacht werden. Wenn so jemand dann die Suchbegriffe "Fleischgericht" und "Ingwer" im Internet eingibt und beim Durchscrollen auf "Beduine im Hemd" stößt, sticht das aus der Rezeptflut heraus, und die Chance, dass er draufklickt, ist groß.

ZEIT: Am meisten haben es Ihnen die fantasievollen Rezeptnamen angetan. Wie kommen Menschen darauf, einen Kuchen "Bienenstich" oder "Kalter Hund" zu nennen, einen Hackbraten "Falscher Hase" oder ein Auberginengericht "Der Imam fiel in Ohnmacht"? Das ist doch verwirrend ...

Donalies: Das soll es ja auch im ersten Moment sein. Ein solcher Name erregt Aufmerksamkeit unter all den unzähligen langweiligen Bezeichnungen. Das Rezept ruft: Koch mich bitte, ich bin etwas Besonderes! Diese Fantasienamen gibt es natürlich nicht erst, seit es im Internet Rezeptforen gibt. Beispiele dafür lassen sich finden, seit Menschen ihr Essen benennen. Den "Armen Ritter" gab es schon im späten Mittelalter. Die ältesten schriftlichen Rezepte in deutscher Sprache sind im Buoch von guoter Spise aus der Zeit um 1350 überliefert.

ZEIT: Gerichte mit Fantasienamen nennen Sie in Ihrem Aufsatz "kostümiert". Wie kommen Sie auf diese Bezeichnung?

Donalies: Es gab noch kein Wort dafür, und ich fand es passend, von einem Kostüm zu sprechen, in dem das Essen steckt. Ich habe dabei an den venezianischen Karneval gedacht. Wer sich verkleidet, hübscht sich auf, will auffallen, aber darunter kommt etwas ganz anderes zum Vorschein. So ist es auch bei Begriffen wie dem "Rollmops", dem "Scheiterhaufen" oder bei "Ich träume oft von Casablanca".

ZEIT: Was verbirgt sich denn hinter diesem Sehnsuchtsnamen?

Donalies: Eine Mangocreme mit Zitronenplätzchen und in Zucker eingelegten Zitronen.

ZEIT: Kostümieren Köche in allen Sprachen?

Donalies: In einigen wird besonders viel kulinarische Poesie betrieben. "Pflaumenblüten und Schnee wetteifern um den Frühling" ist eine direkte Übersetzung aus dem Chinesischen. Es bezeichnet ein Dessert, einen süßen Auflauf mit Äpfeln und Bananen. Unübersetzt aus dem Italienischen entlehnt sind zum Beispiel "Tiramisu" und "Saltimbocca". Italienischkundige erkennen darin die Aufforderungssätze "Zieh mich hoch!" und "Spring in den Mund!".

ZEIT: Haben Sie auch untersucht, woher all diese kostümierten Benennungen kommen?

Donalies: Nein, ich selbst nicht. Bei vielen ist die Namensherkunft bekannt und bereits von Kollegen in etymologischen Wörterbüchern zusammengetragen worden. Aber es lässt sich festhalten: Besonders oft finden wir Assoziationen und Vergleiche, wie bei den "Katzenzungen" oder dem "Halven Hahn". Speisen wie der "Stolze Heinrich" oder der "Studentenkuss" dagegen haben einen historischen Hintergrund. Bei manchen Gerichten lässt sich die Genese nicht mehr nachvollziehen. So ist nicht sicher, ob der Imam in Ohnmacht fiel, weil das Auberginengericht so märchenhaft köstlich war oder weil ihn der Verbrauch von so viel extravirginem Olivenöl gnadenlos in den Ruin trieb.