Natürlich denken alle erst einmal an marschierende Proletarier, Lenin, Trotzki und Agit-Plakate, wenn im Oktober das 100-jährige Jubiläum der Russischen Revolution gefeiert wird. Doch eine Horde Untoter, die in Raumschiffen durch die Milchstraße sausen und das Weltall bevölkern, gehören eigentlich auch dazu. Nicht nur die kommunistische Utopie wurde damals gepriesen, auch Wiederauferstehung und Unsterblichkeit wurden zur neuen Hoffnung vieler russischer Intellektueller und Künstler der 1920er Jahre. Es war die Geburtsstunde des Russischen Kosmismus.

Der Urvater dieser Ideen war der strenggläubige Philosoph Nikolai Fjodorow (1829–1903). In seinen Schriften beschrieb er eine Art vollendete christliche Mission: Alle Verstorbenen werden wieder ausgegraben, die sterblichen Überreste in den Museen zwischengelagert und anschließend mithilfe modernster Technik neu belebt. Die Massenresurrektion würde ein Platzproblem auf der Erde hervorrufen, deshalb war der nächste konsequente Schritt, das Weltall zu bevölkern.

Zwei Ausstellungen in Berlin und Freiburg erinnern an diese künstlerischen und biopolitischen Utopien, die noch heute eine große Faszination ausüben. Art Without Death im Haus der Kulturen der Welt in Berlin verknüpft historisches Material mit zeitgenössischer Kunst und zeichnet die Relevanz der philosophischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Konzepte von damals für die heutige Kunstproduktion nach. Ausgewählte Arbeiten der russischen Avantgarde lassen den kosmischen Hintergrund ihrer Entstehung erahnen. Premiere wird der dritte Teil von Anton Vidokles Film-Trilogie Cosmism (2014–2017) feiern, ein Rechercheprojekt mit Drehorten auf dem ganzen Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Auch Arseny Zhilyaev lässt sich vom Kosmismus inspirieren und zeigt in Berlin eine raumgreifende Installation und gleichzeitig eine funktionsfähige Bibliothek, die Schlüsselwerke kosmistischer Theorie, Wissenschaft, Lyrik und Fiktion aus Russland unter dem Licht therapeutischer Lampen zur Verbesserung der Blutzirkulation bereithält. Hito Steyerl lieferte die Idee zur Ausstellungsarchitektur, die von Nikolaus Hirsch und Michel Müller umgesetzt wurde.

Im Freiburger Kunstverein zeigen Künstler wie Harm van den Dorpel, Cécile B. Evans oder Kitty Kraus unter dem Titel Immortalismus vom 15. September an, was ihnen die Theorien Fjodorows und der Kosmisten bedeuten. Auch hier ist Anton Vidokle vertreten, mit dem Video Immortality and Resurrection for All! (2017). Viele der Ideen von einst sind heute wieder lebendig, man denke nur an die Milliardäre, die sich im festen Glauben an die Technik der Zukunft einfrieren lassen. Die Fortschritte der künstlichen Intelligenz und der Biotechnologien nähren die Hoffnung auf Unsterblichkeit und die Erlösung von schweren Krankheiten. Es sind nicht mehr skurrile Einzelgänger, die sich diesem Thema widmen – die großen Konzerne sind bei diesen Entwicklungen an vorderster Front dabei. Seit Juni verkündet das Start-up Bioquark öffentlich, sich auf Experimente zur Wiedererweckung verstorbener Gehirne zu spezialisieren. Von überallher tönt es: Vergesst euer tierisches Leben – macht euch bereit für die Maschinenexistenz! Während aber die Russischen Kosmisten in der Auferstehung und in der Verlängerung des menschlichen Lebens ein "gemeinsames Projekt" sahen (Fjodorow sprach von Brüderlichkeit), sind die heutigen Utopien ein Weg zur individuellen Vervollkommnung.