Schwer vorzustellen, aber tatsächlich: Hier an der 42. Straße, an der heute der Büroturm des amerikanischen Bezahlsenders HBO träge in den Himmel ragt, war einmal der Teufel los. The Deuce hieß die große Querachse durch Manhattan früher, vielleicht am besten übersetzt mit "Der Gottseibeiuns". In den siebziger Jahren lief hier, und um den Times Square, der Straßenstrich entlang, Pornokinos und adult book shops reihten sich aneinander wie Perlen einer obszönen Kette tief im Dekolleté Manhattans. Jetzt leuchten zwar noch Leuchtreklamen, aber keine schmuddeligen Wortspiele bewerben mehr den neusten Sexstreifen, sondern T-Mobile, Red Bull und Apple ihre unschlagbaren Angebote. Allein das Port Authority Bus Terminal schleust noch wie damals Menschen aus dem Hinterland in die Stadt, die sich das Flugzeug nicht leisten können.

Die neue HBO-Serie The Deuce zeigt gleich zu Beginn diesen Busbahnhof, Anfang der siebziger Jahre, zwei schwarze Zuhälter schlendern umher, warten auf Neuankömmlinge. Junge Frauen, die ihren Körper zum besten Preis verkaufen wollen.

The Deuce, in Deutschland bei Sky zu sehen, ist das Werk von David Simon, der im HBO-Turm aus einem Konferenzraum schaut und die 42. Straße überblickt. Simon ist 57, ein amerikanischer Stiernacken, dem der Sender HBO viel zu verdanken hat. Er ist der große Linksintellektuelle unter den Schöpfern des zeitgenössischen US-Fernsehens. Mit The Wire schrieb er ein einmaliges Fernsehspiel, das nicht weniger wollte, als eine ganze Stadt zu erzählen. Damals nicht New York, sondern Baltimore, wo Simon jahrelang als Polizeireporter tätig war. The Deuce berichtet von einem anderen Stück Amerika, einem, das heute, der hochbeschleunigten Gentrifizierung sei Dank, nicht mehr wiederzuerkennen ist. "Es geht um Arbeit, Management und Kapital", erklärt Simon seine Serie, "darum, wie Märkte funktionieren. Um den historischen Moment, als ein illegales Produkt, das bis dahin nur versteckt in Papiertüten existieren durfte, zu einer Industrie wurde: Pornografie. Darum, wie die Kommodifizierung des weiblichen Körpers zu einem milliardenschweren Geschäft werden konnte." Das ist ein echter David-Simon-Satz, so wie auch The Deuce eine echte Simon-Arbeit geworden ist, auch wenn sie gleichberechtigt mit dem Autor George Pelecanos entstanden ist.

In der ersten Staffel tritt eine nahezu unübersichtliche Reihe von Figuren auf: Spieler, Entrepreneure, die nach Glück, vor allem aber nach Geld suchen – ein geschäftstüchtiger Barmann, der aus einem erfolglosen koreanischen Restaurant den wichtigsten Treff fürs Rotlichtmilieu macht; sein Zwillingsbruder, ein einnehmender, glücksspielsüchtiger Tunichtgut, der das Geschäft mit den Sexvideo-Kabinen erfindet. Ein italoamerikanischer Mafioso, der sich für das Entwicklungspotenzial dieser verruchten Ecke Manhattans interessiert. Und natürlich die Prostituierten und ihre schwarzen Zuhälter, deren pfauenhaftes Auftreten, mit Gehstock und Straßenkreuzer, die Serie ohne comichafte Übertreibung dokumentiert. Dazu Polizisten, Journalisten, Gewerkschafter, Vietnam-Veteranen.

Wenn The Deuce eine Hauptfigur hat, dann die Prostituierte Candy, gespielt von Maggie Gyllenhaal. Candy kämpft sich als Einzige ohne Zuhälter über die 42. Straße, nur gerüstet mit einer Lockenperücke und Pfefferspray. Wie bei The Wire sehen wir mit an, wie die Schicksale dieser im Grunde liebenswerten Figuren von den Strömungen des Kapitals hin und her gerissen werden wie Papierschiffchen auf hoher See. Die menschlichen Kräfte sträuben sich gegen die ökonomischen. In der Mitte der Staffel sieht man Candy, ihre Hämatome nur schlecht überschminkt, wieder auf der Straße, nachdem ein Freier sie ausgeraubt und zusammengeschlagen hat. Einer der Zuhälter, der sie gerne in seinen Stall aufnehmen würde, will ihr Unglück nutzen und sie endlich von ihrer Schutzbedürftigkeit überzeugen. Es folgen ein paar Minuten Fernsehen, in denen tatsächlich nicht die Dialoge, sondern die Bilder die Geschichte erzählen – eine lange Szene, für die nicht nur Maggie Gyllenhaal einen Emmy verdient hat, sondern auch Uta Briesewitz, die deutsche Regisseurin der Episode. Gyllenhaal, immer wieder mit Tränen in den Augen, dann wieder unweigerlich und trotzig lachend, und der Zuhälter tanzen umeinander herum, kommen bedrohlich aufeinander zu, ziehen sich an, stoßen sich ab. Das vielschichtige Verhältnis zwischen hooker und pimp, inszeniert als ein Ballett der 42. Straße, die von den Set-Designern als schmutzige, schmierige, unkitschige Kulisse rekonstruiert wurde.