Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Hirtenbriefe? Was waren das noch Zeiten, als von Kanzeln mehr oder weniger unverhohlen Parteiempfehlungen abgegeben wurden. Jetzt ist wieder Bundestagswahl und das "Targeting", die zielgenaue Wähleransprache, wie es neudeutsch heißt, ist subtiler. Könnte man jedenfalls meinen, weil sich hinter englischen Begriffen oft anspruchsvolle Strategien verbergen. Die Zahl der Nichtwähler spricht dafür, dass an der Zielgenauigkeit noch etwas gearbeitet werden muss, doch mich haben sie genau im Visier, als Kirchenfrau. In jedem mittelgroßen kirchlichen Blättchen kann ich nachlesen, wie die Parteien es mit den Kirchen halten, welche Religionspolitik sie in Zukunft wollen und wie sie mein soziales Gewissen befriedigen. Im Kirchensound heißt das wohl: Sie holen mich ab, wo ich bin. Nur bin ich da auch? Muss ich meine Wahlentscheidung eigentlich von der Religionspolitik einer Partei abhängig machen? Klar ist das interessant. Doch im Grunde werde ich angesprochen wie eine Hotelbesitzerin oder eine Dieselautofahrerin, als "relevante gesellschaftliche Gruppe" mit lobbyistischen Potenzialen. Nichts dagegen, aber als Christin interessiert mich nicht nur die Religionspolitik. Ich will wissen, wie der Sozialstaat finanziert wird und welche Zugangschancen im Bildungssystem bestehen, mir geht es um die Zukunft Europas und um eine Außenpolitik, die die Diplomatie auch in aussichtslosen Situationen nicht preisgibt, mich interessiert die Zukunft der Städte und die Zukunft auf dem Land, das Leben von ganz Alten und die Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen.

Mich interessiert die Verkehrspolitik von morgen und wie innovativ dieses Land ist, wo gute Ideen gefördert werden und wie die Justiz weiter unabhängig bleibt. Leute, die die Zukunft dieses Landes nur nach eigenen Interessen beurteilen, finde ich suspekt. Jene Hotelbesitzer oder Dieselautofahrer, die nur Hotelbesitzer oder Dieselautofahrer sein wollen, statt Bürgerinnen und Bürger dieses Landes zu sein. Nein, ihr lieben Wahl-O-Mat-Entwickler, ein Christomat ist ja eine witzige Angelegenheit, aber Christen sind keine Special-Interest-Gruppe. Das können sie auch mal sein, aber in erster Linie sind sie Bürger zweier Welten.