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Als Journalist, der jahrelang die Wahlen in der Türkei beobachtet hat, verfolge ich jetzt zum ersten Mal eine Wahl in Deutschland aus nächster Nähe. Und ziehe unwillkürlich Vergleiche.

Beim Fernsehduell zwischen Merkel und Schulz am vorletzten Sonntag überlegte ich, wann ich zuletzt die Spitzenkandidaten in der Türkei vor einer Wahl gemeinsam gesehen hatte. Es muss 2002 gewesen sein. Vor seiner ersten Wahl damals stellte Erdoğan sich einer Fernsehdebatte mit seinem wichtigsten Konkurrenten. Nach seinem Wahlsieg lehnte er sämtliche Aufforderungen zum politischen Duell ab und trat vor keiner Wahl mehr mit Konkurrenten vor die Kamera. Aus Sorge, sein Charisma könnte angekratzt werden, meinen seine Gegner. Er selbst sagt, es gebe nichts mit ihnen zu diskutieren. So kommt es, dass die Wähler in der Türkei die Spitzenpolitiker seit 15 Jahren nicht in einer gemeinsamen Fernsehdiskussion gesehen haben. Statt sich der Kritik von Konkurrenten oder den Fragen von Journalisten zu stellen, antwortete Erdoğan lieber auf opportunistische Fragen seiner Bewunderer nach dem Motto: "Wie sind Ihre Erfolge zustande gekommen?" Wie er selbst nicht an Debatten teilnimmt, untersagte er es auch seinen Parteikadern.

Er hat es auch gar nicht nötig. Denn nahezu alle Sender stehen unter seiner Fuchtel: Einer Studie zum jüngsten Referendum zufolge, räumten die Nachrichten von 17 Fernsehsendern in den zehn Tagen vor der Abstimmung Erdoğan 53 Stunden Sendezeit ein, dem Oppositionsführer aber nur 17. Die zweitgrößte Oppositionspartei kam sogar nur auf 33 Minuten. Die loyalen Zeitungen, die Erdoğan täglich mit denselben Aufmachern rühmten, und manipulative Meinungsumfragen gar nicht mitgezählt.

Trotzdem muss ich sagen, dass der Wahlkampf in der Türkei viel bunter ist als in Deutschland. Vor jeder Wahl verwandeln sich die Straßen mit Parteifähnchen und Wandplakaten in einen Festplatz. Lange, lärmende Wahl-Konvois sorgen für Fackelzugstimmung. Und die Parteikundgebungen mit Marschmusik und Gesängen, die Hunderttausende auf die Plätze bringen und die Parteiführer nötigen, von Stadt zu Stadt, von Platz zu Platz zu ziehen, haben etwas von Straßenkarneval.

In Deutschland gibt es derartige Parteikundgebungen für die Massen gar nicht. Ungewohnt ist für uns auch, dass die Regierungskandidaten bei ihren Reden nicht herumbrüllen. Die Straßenplakate reihen Porträts lächelnder Politiker aneinander wie ein langweiliger Parteienkatalog. Frauen und Jugendliche stehen im Vergleich zur Türkei stärker im Vordergrund. Dass die Parteien statt ihrer Teams vor allem die Spitzenpolitiker herausstellen, ist dagegen ähnlich.

Wahlspots beruhen in der Türkei meist auf Negativpropaganda, die Ängste anspricht, in Deutschland dagegen liegt der Schwerpunkt auf Leistungen und Versprechen. Hier sind Kreativität und Humor in den Clips Fehlanzeige, während in der Türkei die Kreativität vor allem aus einem Mangel an Möglichkeiten entsteht. Da der Chef der drittgrößten Partei HDP beim letzten Referendum inhaftiert war, ließ man ein Double auftreten. Wozu braucht es auch Wahlkampf, wenn die Oppositionsführer hinter Gittern sitzen?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe