Strasburg in der Uckermark, die Kanzlerin kommt. Eigentlich müsste es ein Heimspiel für Angela Merkel sein: Knapp 60 Kilometer südlich, in Templin, ist sie aufgewachsen, noch einmal zwanzig Kilometer weiter steht die Datsche, in der sie ihre Wochenenden verbringt. Es regnet immer wieder an diesem Nachmittag, und mit Hinweis auf das Wetter haben die Veranstalter den Auftritt kurzfristig vom Marktplatz in eine Turnhalle verlegt. Aber ist das wirklich der Grund? Am Eingang zur Turnhalle stehen Sicherheitsleute, nehmen den Besuchern die mitgebrachten Tröten ab. Klar ist: Ein Wahlkampfauftritt in der Halle lässt sich leichter kontrollieren als einer unter freiem Himmel.

Trotzdem gibt es Pfiffe. Als Merkel auf die Flüchtlingspolitik zu sprechen kommt, steht eine Gruppe schwarz gekleideter Männer auf und bläst in Trillerpfeifen. Merkel ist nicht mehr zu verstehen. Erst als Sicherheitsleute in Zivil die Männer aus dem Saal drängen, kann sie weitersprechen.

"Manche Leute glauben ja, durch Pfeifen könne man irgendwas verbessern", ruft sie. Viele im Saal applaudieren. Aber es gibt nicht nur die Trillerpfeifen, es gibt auch so etwas wie schweigende Ablehnung. Gut die Hälfte der Besucher hört Merkel regungslos zu, kein Applaus, auch nicht zur Begrüßung, einfach nur Schweigen. Viele, die keinen Sitzplatz gefunden haben, stehen während Merkels Rede da, die Hände in die Hüften gestemmt.

Draußen vor der Halle warten all die, die nicht mehr reingekommen sind – aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Die Halle sei voll, die Fluchtwege müssten frei bleiben. Mehrere Hundert Leute stehen herum, Rentner, Schüler, ein paar Mütter mit Kinderwagen. Eine weißhaarige Frau reckt ein selbst gemaltes Plakat in die Höhe: "AfD wählen!"

Gleich neben der Halle geht es einen Hügel hinauf, oben stehen zwei Plattenbauten, die Fenster geöffnet, Bewohner schauen heraus. Einige tragen Unterhemd oder haben den Oberkörper frei. Selbst aus der Ferne kann man ihre Tätowierungen sehen. Auf der Wiese, die von den Plattenbauten hinunter zur Halle führt, stehen Gruppen schwarz gekleideter Männer mit meterlangen Transparenten. Auf einem ist eine durchgestrichene Merkel-Raute zu sehen.

Als die Kanzlerin nach einer Dreiviertelstunde die Halle durch den Seiteneingang verlässt, abgeschirmt von Bundespolizisten, beginnt das Gebrüll: "Verschwinde!", "Hau ab!", "Merkel muss weg!". Die Frau mit dem selbst gebastelten AfD-Plakat drängt sich in Richtung von Merkels Wagen, will die Kanzlerin anschreien, vielleicht anfassen, das ist in der Hektik nicht ganz klar. Sicherheitsleute drängen sie ab. Es ist unfassbar laut jetzt, nur im Schritttempo kommt Merkels Kolonne voran. Dann ist die Hauptstraße erreicht, und die Wagen preschen davon.

Vor der Halle rollen die Protestler ihre Transparente ein. Noch immer regnet es, sie stehen nun in Gruppen zusammen, trinken Bier. Nur ein einzelner BMW mit Fahrer wartet noch, davor Polizisten. Schließlich kommt von der Halle her der CDU-Wahlkreiskandidat, Philipp Amthor, 24 Jahre, ein dünner Mann im Anzug, Typ Klassenbester. Amthor nähert sich dem BMW, als ihn ein Demonstrant wahrnimmt, wohl auch Mitte zwanzig. "Mensch Philipp!" ruft er. Man kennt sich. Dann drehen sich alle Protestler um. "Verräter!", schreien sie, als sie Amthor erkennen. "Arschloch!" Der Politiker flüchtet sich auf die Rückbank seiner Limousine, der Wagen braust davon. Obwohl man sich kennt, ist man doch in getrennten Welten unterwegs.

Auch der Wahlkampf in Deutschland, so scheint es, findet in zwei Sphären statt, die wenig miteinander zu tun haben.