DIE ZEIT: Herr Warski, in diesem Sommer hat die polnische Regierung versucht, mit einer Justizreform alle Gerichte unter ihre Kontrolle zu bringen und de facto die Gewaltenteilung abzuschaffen. Es kam zu heftigen Protesten. Sie sind Software-Unternehmer und leiten einen der größten Unternehmerverbände des Landes. Auch Sie waren auf der Straße und haben gegen die Regierung demonstriert. Befürchten Sie jetzt Nachteile für Ihr Geschäft und Ihre Arbeit?

Wojciech Warski: Natürlich habe ich Angst. Aber ich habe schon ein wenig Geld verdient, meine Rente ist sicher. Außerdem ist mein Unternehmen nicht abhängig von Staatsaufträgen. Es gibt allerdings andere Formen der Gängelung, die mich treffen könnten. Falls mich die Regierung drankriegen will, könnte sie zum Beispiel unbegründete Arbeits- oder Steuerkontrollen anordnen. Damals im Kommunismus hieß es: "Gebt mir einen Menschen, und wir finden ein Gesetz gegen ihn." Ganz so weit sind wir aber noch nicht. Noch ist Polen kein diktatorischer Staat.

ZEIT: Sind andere Unternehmer in Polen ähnlich entspannt?

Warski: Ich bin sicher ein besonderer Fall. Viele Unternehmer haben Angst, ihre Meinung zu sagen. Sie glauben, das schade ihrem Geschäft. Ich sehe das anders. Manchmal muss man ein Risiko eingehen. Auf lange Sicht geht es um die Rechtsstaatlichkeit unseres Landes, also um unsere Existenzgrundlage.

ZEIT: Seit zwei Jahren ist die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) an der Macht. Hier in Deutschland ist sie vor allem für ihren autoritären, nationalistischen Kurs bekannt. Sie gilt aber auch als unternehmerfeindlich: Sie hält die Unternehmensteuern hoch, während sie teure Sozialprogramme beschließt. Spüren Sie bereits die Folgen dieser Politik?

Warski: Es dauert ein paar Jahre, bis die Wirtschaft auf politische Veränderungen reagiert. Dennoch beobachte ich erste Warnsignale. Viele meiner Kollegen beklagen, dass es kaum mehr staatliche Investitionen gibt. Privatinvestitionen werden sehr vorsichtig getätigt – wegen der unklaren Marktentwicklung und Polens wackeliger Stellung in der Europäischen Union. Russland wird ebenso als große Bedrohung wahrgenommen. Das Land rüstet militärisch auf und will Polen politisch sowie ökonomisch destabilisieren. Das Embargo, das gegen einige polnische Produkte verhängt wurde, ist nur eines von vielen Beispielen.

ZEIT: Womit haben Sie am meisten zu kämpfen?

Warski: Polens Spitzenkräfte wandern aus. Wir haben ein Riesenproblem damit, kompetente Facharbeiter zu finden. Tischler, Schweißer, Fahrer, aber auch Ingenieure, Informatiker und Ärzte – sie alle gehen nach Westeuropa. Sie flüchten vor der niedrigen Lebensqualität, der Bürokratie und der immer noch unbefriedigenden Lohnentwicklung. Das politische Klima verschlimmert die Lage zusätzlich. Hinzu kommt, dass die Regierung schädliche Sozialmaßnahmen durchgesetzt hat, zum Beispiel ein unsinniges Kindergeld, zudem wurde das Rentenalter gesenkt. 300.000 Menschen werden dieses Jahr frühzeitig den Arbeitsmarkt verlassen. Das ist nicht nur teuer, es ist auch schädlich für die Wirtschaft, weil dem Markt dringend benötigte Arbeitskräfte entzogen werden. Für die Wirtschaft sind das selbstmörderische Schritte.

ZEIT: Wenn es nicht genug Fachkräfte gibt, setzen Unternehmer in der Regel darauf, dass Migranten ins Land kommen und die Lücke füllen. Die polnische Regierung vertritt aber eine äußerst rigide Einwanderungspolitik. Ist das ein Problem?

Warski: Ja. Eine vernünftige Migrationspolitik ist die einzige Chance, um die angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Der Arbeitnehmermangel – und ich spreche nicht nur von Fachkräften – ist eine enorme Herausforderung. Doch die Regierung tut nichts dagegen. Sie verpasst es, Menschen, zum Beispiel aus der Ukraine, zur Einwanderung zu motivieren.