Vor einer Woche meldeten sich Dutzende Air-Berlin-Piloten spontan krank. Arbeitgeber im ganzen Land verurteilten diesen "wilden Streik" bei der insolventen Fluggesellschaft, das "Handelsblatt" schimpfte auf die "Ich-AG im Cockpit". Über die Hintergründe sprach ein Pilot nur anonym. Am Montag im Café eines Flughafens.

DIE ZEIT: Zu Beginn könnten wir gleich mal mit einem Märchen aufräumen. Vergangene Woche meldeten sich 100 Air-Berlin-Piloten plötzlich krank. Denen fehlte nichts, oder?

Air-Berlin-Pilot: Ich werde sicher nicht behaupten, dass sich Kollegen krankgemeldet haben, obwohl sie gesund waren.

ZEIT: Das war ein wilder Streik, um klarzustellen, dass die Insolvenz die Piloten nicht davon abhält, für ihre Jobs und Löhne zu streiten.

Pilot: Nein, ganz sicher nicht.

ZEIT: Wie begründen Sie das?

Pilot: Bei einem wilden Streik hätte sich die Gewerkschaft Cockpit wohl kaum so entschieden davon distanziert. Fakt war etwas anderes. Unsere Tarifkommission verhandelt gerade mit dem Management darüber, was mit uns Piloten nach einer Übernahme passiert. Uns wurden keinerlei Zugeständnisse gemacht. Das sorgt für Frust.

ZEIT: Die Piloten waren unsicher in Bezug auf ihre Zukunft?

Pilot: Genau. Darüber wurde wild diskutiert, vor allem in einer Messenger-Gruppe, in der ungefähr 1.000 Piloten von Air Berlin verbunden sind. Einige haben geschrieben, dass sie am nächsten Tag krank sein würden. Von einem wilden Streik war das weit entfernt, dann hätten sich mehr als 100 Leute krankgemeldet. Wir haben bei Air Berlin 1.200 Piloten.

ZEIT: Was hat die Piloten krank gemacht?

Pilot: Es geht gar nicht darum, welche Privilegien wir nach einem Verkauf möglicherweise verlieren, es geht um unsere Arbeitsplätze. Dann wurde auch noch bekannt, dass das Unternehmen zehn A330-Flugzeuge zurückgibt, die geleast waren. Da hängen Hunderte Arbeitsplätze dran, die dauerhaft verschwinden. Entsprechend verunsichert sind wir. Da ist Holland in Not.

ZEIT: Und im Gegenzug haben die Piloten mit einem wilden Streik Air Berlin lahmgelegt?

Pilot: Ach was. Das Management lässt selbst Flüge ausfallen, damit das Unternehmen für andere Käufer als die Lufthansa weniger attraktiv ist. Die Lufthansa hofft ja darauf, möglichst viel von Air Berlin zu bekommen. Die brauchten dann die Flieger nur umzulackieren und könnten bei Löhnen und Gehältern sparen, weil die dann neu verhandelt würden. Da wundert es mich wenig, dass der ein oder andere Pilot sagt: Dann bin ich jetzt mal krank. Aber das ist völlig unorganisiert, kein wilder Streik, sondern persönlicher Frust.