Europa ist verschwunden, und ein Detektiv namens Max Messer soll sie wiederfinden. Seine Ermittlungen führen ihn bis in den Kongo, wo die Verwirrungen für den armen Messer kein Ende nehmen. Das Stück Die Entführung Europas, das am 19. Oktober im Berliner Ensemble Premiere hat, stammt von Alexander Eisenach; er ließ sich von einem Hörspiel inspirieren, dessen Verfasser ein gewisser Max Messer ist. Dahinter steckt der mittlerweile von der deutschen Theaterszene heiliggesprochene Dramatiker Heiner Müller, der im Jahr 1961 unter Pseudonym ein Kriminalhörspiel namens Der Tod ist kein Geschäft schrieb. Müller war zuvor aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgestoßen worden, sein Stück Die Umsiedlerin hatte man abgesetzt, er brauchte also Geld, deshalb machte er intelligente Kolportage.

Womit wir wieder bei Alexander Eisenach sind. Eisenach ist einer der einfallsreichsten jüngeren deutschen Regisseure und Theaterautoren, und die Herstellung von Kolportage, laut heute gängiger Bedeutung marktgerechte Literatur minderer Qualität, gehört zu seinen Vorlieben – wobei Eisenach im Gewand des Reißerischen und Groben aber oft das Feine und Genaue liefert.

Kürzlich hat der 1984 in Ost-Berlin Geborene am Frankfurter Schauspielhaus, genau gegenüber der Europäischen Zentralbank, die ökonomische Weltlage aufs Format eines Western gebracht – oder eigentlich: einer Westernparodie. Das Stück heißt Der kalte Hauch des Geldes. Es gibt darin einen Sheriff, einen Kopfgeldjäger, einen Goldminenbesitzer, eine verruchte Bardame, und sie alle haben die bemerkenswerten rhetorischen Fähigkeiten und die Mordgelüste, die man von den Figuren aus Quentin Tarantinos Western kennt. Es wurde in dieser Aufführung viel geschossen, Kautabak landete in Spucknäpfen, es wurde gepokert und geblufft, jedoch, das eigentliche Ziel der unterschwellig schwermütigen Figuren war nicht die aggressive Selbstbehauptung, sondern die Durchdringung der Gesetze, die uns alle beherrschen. Deshalb wurde auf der Bühne Das Kapital gelesen, allerdings hatte man hier, einem alten Kalauer gemäß, das Gefühl, dass es nicht von Karl Marx, sondern von Karl May stammt.

Eisenachs Inszenierung badete in Zitaten und Stilanleihen, wer seine Figuren reden hörte, dachte an René Pollesch, wer die Videoaufnahmen sah, die das Bühnengeschehen ins Wuchtige vergrößerten, wurde an Frank Castorf erinnert, und dennoch war dies mehr als eine Genreparodie und eine Zusammenfassung der gängigen Theaterästhetiken: Wie Eisenach aus dem popkulturellen Strandgut seinen eigenen Saloon zimmerte, in dem zudem ein unverwechselbares Diskursklima herrschte, das verriet den stilsicheren Jungkünstler, der auch gängige Theatermarotten zum Material seiner Belustigung macht. Er läuft den aktuellen Trends der Darstellung also nicht blind nach, sondern er verwendet sie wie etwas potenziell "Historisches" – als etwas, woran man in einigen Jahren eine versunkene Theaterepoche, die "zehner Jahre" des deutschen Theaters, erkennen wird.

In seinem neuen Stück ist Eisenach, dieser selbstbewusste Plünderer der Theatergeschichte, im Schatten Heiner Müllers unterwegs. Die Entführung Europas nimmt ein anderes wesentliches Genre in Dienst, um unsere Gegenwart zu verstehen, den Kriminalroman mit der Produktbeschreibung "hardboiled". Der Protagonist Max Messer ist der vorschriftsmäßig desillusionierte Ermittler in einer verrotteten Welt, und das Verbrechen, auf das er stößt, begehen wir alle:

"Wenn ich die Vorstädte mit ihren Eingeborenen des Betons und den Zombies des Alkohols, den Ausgestoßenen des Verbrauchs durchdrungen habe, wenn ich spüre, dass sich die Wildnis vollkommen um mich geschlossen hat, wird es mit einem Mal wieder dunkel. Finsternis. Und es liegt wieder dieser ewige Geruch des Todes in der Luft. Hier und dort leuchtet ein Bildschirm, presst Welt in die Dunkelheit, bäumt sich auf gegen das Verschwinden. Jeder am Ende seines Bildschirms am Ende seiner Welt. Ein Legionär, der längst vergessen hat, warum er einmal aufgebrochen ist."

Subtext dieses dunklen Kriminalstücks ist der Ekel des Kreativen vor der creative industry, Max Messer erweist sich als ein von seiner eigenen Tinte angewiderter Schreiber: "Die Theater sind eben da, wie ein leeres Loch, das gefüllt werden muss. Man hat Angst, dass das Loch sichtbar wird. Nur aus diesem Horror Vacui läuft der ganze Betrieb weiter." Um Inhalte geht es schon gar nicht mehr. Letztes Zitat aus diesem noch im Werden begriffenen Stück: "Du weißt, dass es längst keine Grabenkämpfe mehr gibt, weil wir die ganze Schlacht verkaufen." Ob Max Messer seine Ermittlung überleben wird, ist noch nicht bekannt. Aber selbst seine totale Niederlage könnte, wenn Eisenach so weitermacht, großes Vergnügen bereiten.