Die Vorwürfe, die Stefan Schabirosky gegen namhafte deutsche Medien erhebt, sind heftig: Er habe im Alleingang sichergestellt, dass über acht Jahre hinweg negative Artikel und Filme über den Allgemeinen Wirtschaftsdienst (AWD) gedruckt und gesendet worden seien. Er habe Zahlen und Statistiken manipuliert, die Journalisten ungeprüft übernommen hätten. Stimmt das?

Die ZEIT hat viele der 34 Beiträge überprüft, die Schabirosky beeinflusst haben will, hat mit den jeweiligen Autoren oder Redaktionen von NDR, stern, Spiegel, Süddeutscher Zeitung, Tagesspiegel und Sächsischer Zeitung gesprochen und sich deren Quellen zeigen lassen. Außerdem haben wir auf E-Mails, Verträge und interne AWD-Unterlagen zurückgegriffen, um uns ein umfassendes Bild zu machen.

Das wichtigste Ergebnis: In keinem einzigen Fall war Schabirosky die alleinige Quelle für eine Behauptung über den AWD oder Maschmeyer, immer steckten in den Artikeln oder TV-Beiträgen eigene weitere Recherchen der Journalisten. In mehreren Fällen lehnten Medien von Schabirosky angebotene Storys ab, weil ihnen die Belege zu vage erschienen. NDR und Süddeutsche Zeitung nahmen nur einzelne Dokumente an. Ein Redakteur der WirtschaftsWoche beendete den Kontakt schnell wieder, weil ihm Schabirosky suspekt erschien. Auch ohne dessen Informationen wären die grundsätzlichen Aussagen der Berichte gleich geblieben. Und mitnichten hat Schabirosky durch seine Kampagne die Stimmung gegen den AWD gedreht, wie er behauptet.

In seinem Buch steht: "In der Presse stand Maschmeyers Laden überall gut da. (...) Die Medien jetzt ins Negative zu stimmen, würde nicht einfach werden." Schon die Prämisse ist falsch. Als Schabirosky 2004 mit seiner Kampagne begann, hatte der AWD bereits seit einem Jahrzehnt einen miesen Ruf unter Journalisten. Die Zeitschrift Finanztest berichtete damals schon seit mehr als zehn Jahren über geschädigte AWD-Anleger und warnte vor schlechter Beratung.

Seit 1995 war das umstrittene AWD-Produkt "Dreiländerfonds" ein Thema. Schon 1999 berichtete die WirtschaftsWoche unter der Überschrift "Dubiose Methoden" über Streitigkeiten mit Anlegern, die der AWD mit einer Rufmordkampagne zu ersticken versucht habe. Seinen Börsengang im Jahr 2000 musste der AWD sogar verschieben, weil Anleger ihm Betrug und Falschberatung vorgeworfen hatten. In einem groß recherchierten Porträt beschrieb der Redakteur der Süddeutschen Zeitung , den Schabirosky erst vier Jahre später "umgedreht" haben will, wie Carsten Maschmeyer schon im Jahr 2000 von der negativen Presse genervt war: "Er versteht bis heute nicht, warum die Medien gerade auf den AWD jahrelang einprügelten."

Schabirosky überschätzt seinen Anteil an der Berichterstattung also maßlos. Oft dienten seine Informationen eher der Bestätigung von Fakten, die Journalisten auf anderem Wege recherchiert hatten. Dennoch: Einige seiner Einblicke in den journalistischen Alltag zwingen zum Nachdenken.

Ist es zum Beispiel zulässig, wenn ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung den Informanten Schabirosky im Jahr 2005 erst auf die Idee bringt, eine Anzeige gegen den AWD bei der Finanzaufsichtsbehörde BaFin zu stellen? Aufgrund dieses äußeren Anlasses druckte die Zeitung eine Sonderseite mit kritischen Artikeln und eine Meldung prominent auf dem Titel zum AWD. Doch eine Anzeige allein beweist noch nicht, dass jemand etwas Unerlaubtes getan hat. "Medien sollten bei der Berichterstattung über die Einreichung einer Anzeige viel zurückhaltender sein", sagt Journalistik-Professor Volker Lilienthal von der Uni Hamburg, der früher selbst investigativ gearbeitet hat. Erst wenn eine Behörde Anklage erhebt, sollten Medien berichten. Schaffe der Journalist sich den Anlass für seine Berichterstattung selbst, werde er zum Akteur.

Und war es eine gute Idee, dass Journalisten des stern und der Süddeutschen Zeitung ihrem erkennbar interessengeleiteten Informanten ihre Artikel vor Veröffentlichung zusandten? Schabirosky leitete diese Texte sofort weiter an seinen Auftraggeber, den AWD-Konkurrenten DVAG.

Und wie unabhängig ist ein Berichterstatter der Süddeutschen, wenn er sich von einem selbst erklärten AWD-Hasser Fragen an den AWD aufschreiben lässt, um die Firma damit zu konfrontieren? Wie neutral ist er, wenn er die Antworten des AWD dann wiederum an den AWD-Hasser weitergibt?