Suche nach dem neuen Ich – Seite 1

Es gehört zu den zentralen Mythen, dass sich Menschen und Gesellschaften durch Bildung verändern lassen. Vielen gilt Bildung als jenes Instrumentarium, mit dem nicht nur die Menschen ihr individuelles Glück finden, sondern auch die sozialen, politischen und ökologischen Probleme unserer Zeit gelöst werden können. Hält Bildung allerdings, was man sich hier von ihr verspricht?

Beginnen wir mit der Frage, ob und inwiefern ein Mensch sich selbst durch Bildung verändern kann. Die Beantwortung dieser Frage hängt davon ab, inwiefern man die Veränderung eines Menschen mit dem Prozess der Bildung schlechthin identifiziert. Man kann mit guten Gründen von der anthropologischen Prämisse ausgehen, dass der Mensch nicht nur als unfertiges Wesen auf die Welt kommt, sondern auch als dasjenige Wesen, das sich eben nicht nur unter möglichst günstigen Bedingungen entfalten können soll, sondern das sich immer erst bilden muss. Auch wenn sich die Rede von der Entfaltung in einer romantischen Pädagogik, die in jedem Neugeborenen ein Bündel von Talenten sehen will, das zum Blühen gebracht werden soll, großer Beliebtheit erfreut, sabotiert sie damit jede Idee von Bildung. Diese impliziert, dass es kein vorgegebenes Muster oder Programm gibt, das ein Mensch im Laufe seines Lebens einfach exekutiert, sondern dass der Mensch immer auch Resultat seines eigenen Tuns ist.

Alles kann so Ausdruck von Bildung sein, damit wird dieser Begriff bedeutungslos. Die Rede von Bildung und Selbstbildung ist nur dann attraktiv, wenn sie normativ aufgeladen wird und Bildung dadurch von anderen Einflüssen, die das Leben eines Menschen auch bestimmen können und die von den genetischen Dispositionen über die Zufälle der Geburt bis zu den Erfahrungen des Lebens reichen, getrennt werden kann.

Worin nun der normative Anspruch von Bildung gegenüber anderen das Selbst verändernden Strategien und Ereignissen besteht, darüber lässt sich trefflich streiten. Die Bildungsdebatten sind spätestens seit dem 18. Jahrhundert gekennzeichnet von den Versuchen, solch einen normativen Gehalt zu explizieren. Bildung ist ohne das Bild eines guten und gelungenen Lebens, das es anzustreben gilt, nicht denkbar.

Dem Begriff der "Selbstveränderung" können drei Bedeutungen unterstellt werden. Zum Ersten: Ich bin es, der sich in seinem Identitätsgefühl verändert, und dies aus freien Stücken; man könnte hier von Selbstbildungsautonomie sprechen. Zweitens: Es ist mein Selbst, das durch Bildung verändert wird; dies setzt ein substanzielles Selbst voraus, das durch eine aktivierende und kontrollierende Ich-Instanz verändert werden kann: Bildung als Selbstsuche und Selbstverwirklichung. Und drittens: Ich muss nicht nur mich oder mein Selbst, ich muss mein Leben schlechthin ändern: Bildung als Zäsur.

Selbstveränderung durch Bildung im Sinne eines autonomen Projekts des Subjekts geht davon aus, dass es so etwas wie die Einsicht in das Ungenügen einer Ich-Identität gäbe und dann gezielt Bildung anvisiert wird, um dieses Ungenügen zu beheben. Allerdings hält sich bei konventionellen Bildungsprozessen dieser Anspruch eher in Grenzen. Wohl erinnert dies an das Konzept einer Persönlichkeitsbildung, die vom idealtypischen Bild einer reifen Persönlichkeit ausgeht und die Bildungsanstrengungen daran orientiert, tatsächlich aber werden diese selten unternommen, um das eigene Ich zu modifizieren. Zwar ist es unbestritten, dass Menschen – sei es aus Neugier, Interesse oder Gründen der beruflichen Qualifikation – Dinge lernen und sich ein Wissen aneignen, das auch auf die Entwicklung ihrer Persönlichkeit einen Einfluss haben kann, die damit einhergehende Veränderung eines Ich ist allerdings intentional unterbestimmt: Niemand lernt eine Sprache, liest einen Roman, studiert das Weltall, betreibt Mathematik, erwirbt Programmierkenntnisse, um sich primär in seiner Identität zu verändern. Das bedeutet nicht, dass man durch solche Bildungsprozesse nicht verändert wird, aber die Richtung und die Intensität sind dabei der Kontrolle des Subjekts entzogen. Der Begriff der Bildung scheint diesen Prozessen gegenüber allerdings seltsam unangemessen.

Es kann aber sein, dass jemand nicht mit seinem Wissen, seinen Fähigkeiten, seinem Ich-Gefühl oder seinem Affekthaushalt, sondern mit seinem Selbst insgesamt unzufrieden ist und es gezielt durch Bildung verändern möchte. Solch ein Mensch möchte ein Selbst vielleicht erst finden, herausfinden, wer er eigentlich ist, unter Umständen überhaupt ein anderer werden. Die Gefahr ist groß, dass dieser Mensch in eine Situation gerät, die man das Kierkegaard-Paradoxon nennen könnte. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard hat in seinem epochalen Buch Die Krankheit zum Tode die These entfaltet, dass Identitätskrisen prinzipiell die Form der Verzweiflung und der Verzweiflung prinzipiell die Form der Identitätskrise zukommt. Auch wenn man glaubt, man verzweifelt an etwas, verzweifelt man, so Kierkegaard, eigentlich immer an sich selbst.

"Du musst dein Leben ändern"

Was bedeutet das für unsere Suche nach einem Selbst? Man kann, so Kierkegaard, "verzweifelt sich nicht bewusst sein, ein Selbst zu haben", man kann "verzweifelt nicht man selbst sein wollen", oder man kann "verzweifelt selbst sein wollen".

Bildung kann unter diesen Gesichtspunkten nicht bedeuten, dass diese oder eine andere Form der Selbstveränderung gelingen könnte, ohne die Form der Verzweiflung anzunehmen, sondern Bildung hieße dann bestenfalls die Einsicht, dass Selbstveränderung in einem substanziellen Sinn ohne Verzweiflung nicht möglich ist. In diesem Sinne wäre Bildung weniger Motor der Selbstveränderung als die Erkenntnis, dass die Melancholie die Begleiterin aller Formen der Identitätssuche ist.

Geht es allerdings darum, nicht nur sein Selbst, sondern sein Leben überhaupt zu ändern, setzt dies einerseits Kriterien voraus, an denen man das Ungenügen desselben misst oder erfährt, andererseits kann es aber nur eine bestimmte Form der Lebensveränderung sein, die durch Bildung – und nicht etwa durch einen Orts-, Partner- oder Berufswechsel – ermöglicht werden soll. Dass es Zeit wäre, sich zu verändern, diese Redewendung markiert ja weniger die Sehnsucht danach, sein Leben radikal durch Bildung umzustellen, als vielmehr den Wunsch, einmal ein anderes Lebenskonzept auszuprobieren. Das Modell der radikalen Lebensänderung hingegen geht von einer markanten ästhetischen Bildungserfahrung aus. In Rainer Maria Rilkes berühmtem Gedicht Archaïscher Torso Apollos führt der Anblick einer kopflosen antiken Statue zu einem dramatischen Imperativ: "Du musst dein Leben ändern." Dieser Imperativ wird durch die paradigmatische Verkehrung eines konventionellen Kunsterlebnisses initiiert: "... denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht." Der Betrachter fühlt sich vom Kunstwerk betrachtet und des Ungenügens seiner Existenz schlagartig überführt.

Solche Bildungserfahrungen sind selbst aber wiederum nicht planbar oder in eine Didaktik zu überführen: Die Lektüre dieses Gedichts in der Sekundarstufe eines Gymnasiums wird weniger zu eminenten Ansprüchen an Selbstveränderung als vielmehr zu Klagen über die ökonomische Nutzlosigkeit und Lebensferne von Gedichten führen. Aber immerhin: Es ist dieses Konzept, das noch am ehesten einen Widerspruch zwischen individueller Bildung und gesellschaftlicher oder politischer Macht aufbrechen lassen kann. Denn es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass ein Mensch durch die Lektüre eines Gedichts oder durch den Besuch eines Museums beschließt, mit den Normen und Vorgaben zum Beispiel einer effizienzorientierten Wettbewerbsgesellschaft oder einer medial inszenierten Spaßkultur zu brechen.

Diese Form einer krisenhaften Bildungserfahrung, die als reflexive Kritik an bestehenden Lebenskonfigurationen in Erscheinung tritt, gehorcht der nietzscheanischen Einsicht, dass Bildung etwas Kompliziertes und nur für wenige Erreichbares sei und letztlich einsam mache: Nur ich ändere mein Leben, auch wenn Rilke zu all seinen Lesern spricht. Solche Erfahrungen lassen sich weder verallgemeinern noch unter ein Kompetenzraster zwängen, schon gar nicht standardisieren oder curricular regeln. Sie bleiben jenen schicksalhaften Zufälligkeiten überantwortet, die sich jeder Form von Bildungsplanung, Überprüfung und Evaluation entziehen. Sein Leben zu ändern ist kein Output, den Bildungsprogramme, wie wohlmeinend gedacht auch immer, versprechen könnten. Dass solches trotzdem immer wieder versucht wird, gehört zu den unfreiwillig komischen Seiten institutionalisierter Bildungsanstrengungen.

Ob aber nicht nur der Einzelne, sondern eine Gesellschaft sich durch Bildung verändern kann? – Was für eine Frage! Es gehört zu den Topoi der Selbstbeschreibung der Moderne, dass diese Gesellschaft ohnehin nur im Modus der Veränderung existieren kann. Die Dynamik dieser Veränderung resultiert aber schon lange nicht mehr aus sozialen Spannungen und daraus abgeleiteten sozialen Revolutionen, die auch durch Bildung als Aufklärung initiiert oder motiviert sein können, sondern aus technologischen Herausforderungen und den damit versprochenen technischen Revolutionen. Der Bildung wird in diesem Prozess permanenter technikinduzierter Selbstveränderung eine durchaus ambivalente Rolle zugeschrieben. Vor allem in Deutschland gelten Bildung und Bildungssysteme als hemmende Elemente in diesem Prozess. Weder Bildungspolitiker noch Schulen, schon gar nicht Lehrer hätten die Zeichen der Zeit erkannt.

Die Frage, ob Bildung etwas zur Selbstveränderung von Gesellschaften beitragen kann, wird in der Regel jedoch nicht an wissenschaftliche und intellektuelle Eliten gestellt, sondern an jene Mitglieder der Gesellschaft, deren wirkliche oder vermeintliche Nichtbildung die von diesen Eliten angestrebten und propagierten Gesellschaftsveränderungen sabotiert. So ist etwa der Gedanke, dass demokratische Gesellschaften nur mit gebildeten Bürgern funktionieren können, weit verbreitet. Gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtspopulismus und totalitäre Versuchungen aller Art soll Bildung wie eine Schutzimpfung wirken, die nicht früh genug verabreicht werden kann. Auch wenn dies der historischen Erfahrung widerspricht, gehört der Glaube an Bildung als eine gesellschaftspolitische Hygienemaßnahme zum Arsenal der spätaufklärerischen Bildungslegitimationen.

Bildung allein kann eine Gesellschaft nicht verändern

Hinter diesem Konzept verbirgt sich ein bildungspolitischer Imperativ, der in Bildung letztlich jenen "Versuch, den Menschen zum Menschen zu begaben", sieht, der gegen alle Formen der Erziehung, Qualifikation und Talentpflege das unverstellte Menschsein im Auge hat und von dem nicht gesagt werden kann, ob er überhaupt gelingen kann. Bildung erscheint hier als Anspruch, der die Herrschaftsverhältnisse, denen sie gleichwohl unterliegt, konterkariert. Das Postulat, Gesellschaften durch diese Form von Bildung zu verändern, unterstellt, dass diese durch inhumane Herrschaftsverhältnisse charakterisiert sind, die dennoch in ihrer Mitte, das heißt an ihren Schulen und Universitäten, die Möglichkeiten zu ihrer eigenen Beseitigung bereitstellen sollten. Im digitalen Zeitalter bilden aber die Schulen in ihren Tablet-Klassen Kinder und Jugendliche nicht zu mündigen Bürgern, die den totalitären Versuchungen der Internet-Konzerne widerstehen könnten, sondern machen sie zu deren Agenten.

Nein, Bildung allein kann eine Gesellschaft nicht verändern. Wohl aber kann sie dazu beitragen, jene Diskurse kritisch zu befragen, die lautstark die realen Veränderungsprozesse, etwa im Bereich der Technologie, affirmativ begleiten. Diese haben mittlerweile das gesellschaftskritische Denken nahezu aufgezehrt.

Wie immer man es aber dreht und wendet: Ob Bildung ein Selbstveränderungspotenzial in Hinblick auf Individuen oder Gesellschaften zugesprochen werden kann, hängt letztlich vom Mut ab, Bildung inhaltlich und normativ zu bestimmen. Solange Bildung formal als Durchlaufen von Zertifizierungsstellen oder Sammeln von Leistungspunkten definiert und auf den Erwerb von Kompetenzen und zeitgemäßen Kulturtechniken reduziert wird, erwächst aus diesen Bestimmungen weder eine notwendige noch eine mögliche Kraft zur Veränderung.

Konrad Paul Liessmann: Bildung als Provokation
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2017; 240 Seiten, 22,70 Euro

Das Buch erscheint am 25. September 2017