Hinter diesem Konzept verbirgt sich ein bildungspolitischer Imperativ, der in Bildung letztlich jenen "Versuch, den Menschen zum Menschen zu begaben", sieht, der gegen alle Formen der Erziehung, Qualifikation und Talentpflege das unverstellte Menschsein im Auge hat und von dem nicht gesagt werden kann, ob er überhaupt gelingen kann. Bildung erscheint hier als Anspruch, der die Herrschaftsverhältnisse, denen sie gleichwohl unterliegt, konterkariert. Das Postulat, Gesellschaften durch diese Form von Bildung zu verändern, unterstellt, dass diese durch inhumane Herrschaftsverhältnisse charakterisiert sind, die dennoch in ihrer Mitte, das heißt an ihren Schulen und Universitäten, die Möglichkeiten zu ihrer eigenen Beseitigung bereitstellen sollten. Im digitalen Zeitalter bilden aber die Schulen in ihren Tablet-Klassen Kinder und Jugendliche nicht zu mündigen Bürgern, die den totalitären Versuchungen der Internet-Konzerne widerstehen könnten, sondern machen sie zu deren Agenten.

Nein, Bildung allein kann eine Gesellschaft nicht verändern. Wohl aber kann sie dazu beitragen, jene Diskurse kritisch zu befragen, die lautstark die realen Veränderungsprozesse, etwa im Bereich der Technologie, affirmativ begleiten. Diese haben mittlerweile das gesellschaftskritische Denken nahezu aufgezehrt.

Wie immer man es aber dreht und wendet: Ob Bildung ein Selbstveränderungspotenzial in Hinblick auf Individuen oder Gesellschaften zugesprochen werden kann, hängt letztlich vom Mut ab, Bildung inhaltlich und normativ zu bestimmen. Solange Bildung formal als Durchlaufen von Zertifizierungsstellen oder Sammeln von Leistungspunkten definiert und auf den Erwerb von Kompetenzen und zeitgemäßen Kulturtechniken reduziert wird, erwächst aus diesen Bestimmungen weder eine notwendige noch eine mögliche Kraft zur Veränderung.

Konrad Paul Liessmann: Bildung als Provokation
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2017; 240 Seiten, 22,70 Euro

Das Buch erscheint am 25. September 2017