Peng. Kurz und hart klingt es, wenn am Pult eines Auktionators der Hammer fällt. Deutlich lauter fiel das Echo aus, als diese Nachricht den Londoner Kunsthandel aufrüttelte: Cheyenne Westphal verlässt Sotheby’s. Ausgerechnet Westphal, "eine der wichtigsten und am besten verdrahteten Frauen im Kunsthandel", wie die Süddeutsche Zeitung sie nannte, die für das Traditionshaus so viele Jahre Spitzenwerke an Land gezogen hat. Die es verstand, Versteigerungen mit Weltrekordpreisen zu inszenieren – und das, ohne selbst am Pult zu agieren. "Wenn sie auf der Bond Street ihr Adressbuch verloren hätte – wir hätten uns darum geprügelt", behauptet ein Londoner Händler – "heh, heh", die Idee amüsiert ihn sehr.

Westphal ist, was gern als "Rainmaker" bezeichnet wird: jemand, der dank magischer Fähigkeiten Deals einfädeln kann, die eigentlich unmöglich scheinen. Diesen Ruf hat sich Westphal bei Sotheby’s damit erworben, Bilder aus Sammlungen abzustauben, die lange Zeit nicht und bisweilen noch nie zuvor im Handel zu sehen gewesen waren. Etwa die Sammlung Helga und Walther Lauffs oder die Damien Hirst-Collection. "Marktfrisch" nennen Experten so etwas, Westphal bevorzugt den Begriff "blütenfrisch", was ein bisschen nach Wäsche klingt.

Blütenfrisch sieht die 50-Jährige an diesem heiteren Augusttag selbst aus – blond, sehr korrekt auftretend in schwarzer Hose und cremefarbener Seidenbluse. Ein ganzes Jahr lang war sie für die Arbeit bei der Konkurrenz "gesperrt" nach dem Ausscheiden bei Sotheby’s im April 2016, wie es üblich ist für Spitzenleute, deren Kunden-Dateien Zigtausende Dollar wert sind. Seit sechs Monaten ist sie nun Global Chief im Auktionshaus Phillips.

Die Auktionshäuser Sotheby’s und Christie’s kennt jeder. Aber wer ist Phillips? Neben den großen Konkurrenten haben die Phillips-Bosse ihr Haus von jeher als den kleinen Akteur verstanden. Sie haben Nischen gefunden, die die Erzrivalen links liegen lassen. Allerdings hat sich das Londoner Haus mit langer Geschichte (gegründet 1796) jüngst viel Auf und Ab geleistet, einschließlich Eigentümerwechseln. Als es die russische Investorengruppe Mercury Group 2008 übernahm, hieß es in der Branche: Mal sehen, ob jüngst gewonnene prominente Zugänge im Management bleiben. Sie blieben und setzten das erste große Vorhaben als neue Eigentümer um, den traditionellen Standort nahe Victoria Station aufzugeben und einen imposanten Glasbau zu beziehen im vornehmen Mayfair, dem Zentrum des Kunsthandels. Nun kann von draußen jeder Passant verfolgen, wenn in dem riesigen Saal (Deckenhöhe 6,10 Meter) der Hammer fällt.

Überraschend klein ist das Büro des Global Chief, aufgeräumt und ohne Statussymbolik, abgesehen von – aber dazu später. Der Blick fällt in die Kronen uralter Platanen am Londoner Berkeley Square. Die Chefin nippt am Cappuccino, die dazu servierten Macarons bleiben unberührt. Als "the German" ist sie mitunter tituliert worden. Zuverlässig, mit scharfem Auge und mit dem Händchen für sensible Sammler- und Künstler-Naturen. Ihre Erfolgsbilanz bei Sotheby’s war eindrucksvoll: Gerhard Richters Abstraktes Bild fand für 46,3 Millionen Dollar einen neuen Besitzer, Sigmar Polkes Jungle wechselte für 27,1 Millionen in andere Hände, und Piero Manzonis Achrome für 20,32 Millionen. Auf dem Rainmaker-Ruf möchte sie sich aber offenbar nicht ausruhen: "Ich habe ja auch 25 Jahre hart daran gearbeitet und will das weiterhin tun. Ich will hier einiges bewirken …"

Frauen, die eine Galerie eröffnen, hat es immer gegeben, auch Museumsleiterinnen und Kuratorinnen sind keine Ausnahme mehr. Aber eine Frau als Vorstand in einem international tätigen Auktionshaus? Da ist Westphal solitär. Aufgewachsen in Baden-Baden, Kunstgeschichtsstudium in St. Andrews, Masterarbeit über Cindy Sherman in Berkeley. Als sie bei Christie’s, anfing, galt für Frauen noch ein Dresscode: keine Hosen, keine kurzen Röcke.

Seitdem hat die Branche sich sehr verändert, jüngst haben Fälschungen das Vertrauen erschüttert, undurchsichtige Transaktionen und unerklärliche Preisschwankungen tun das Übrige, um ihrem Ruf zu schaden. Was Westphal nicht abstreitet, ihr aber auch nicht Bange macht. "Das Spannende ist ja, dass der Kunsthandel nach wie vor wächst. Wir haben eine viel größere Käuferschicht als noch vor fünf Jahren. Und diese globale Käuferschicht sucht Künstler, die schon länger im Programm sind. Sie sucht weiterhin die berühmten Blue Chips." Namen also wie Gerhard Richter, Georg Baselitz oder Sigmar Polke. Aber Moment mal – gibt es deren Bilder noch? Sind sie nicht längst in Museen verschwunden oder unerreichbar in Privatsammlungen? Nein, sagt Westphal und deutet auf die Wand hinter ihr. Da wartet – oops! – schon Polkes Tänzerin auf die große Herbst-Auktion im Oktober, die mitsamt Arbeiten von Hurvin Anderson (Peter’s Series: Back) und Wolfgang Tillmans (Einzelgänger VIII) aufgerufen wird. Bietergefechte sind zu erwarten. Möglich, dass allein schon die Tänzerin über den Schätzwert von 3,5 Millionen Pfund hinwegschwebt.