Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Hand aufs Herz, wer will heutzutage noch eine Partei wählen? Eine Liste muss es zumindest sein, eine Bewegung, ein mouvement, wenn man so will, wäre noch besser. Am besten grass-roots, also von ganz unten. Das hat Elan, klingt nach Aufbruch, verspricht Erneuerung und ganz viel gute Laune. Eine Partei, das ist so richtig aus der Zeit gefallen. Partei hat mit Dogma und Prinzipien zu tun, mit Überzeugungen, die nicht verhandelbar sind. Damit kann man doch keinen Staat mehr machen. Was soll denn eine Gesinnungsgemeinschaft, die einer politischen Heilslehre hinterherhechelt, in diesem Zeitalter, das von Algorithmen dirigiert wird, noch groß melden. Gesinnung mag zu Großelterns Zeiten vielleicht noch eine politische Kategorie gewesen sein, Nationalismus, Sozialismus und so. Aber heute? Wer immer postuliert hat (sicherlich war’s ein französischer Philosoph), dass die Epoche der Ideologien überwunden ist, hat recht. Weltanschauungen sind Relikte einer Zeit, in der es noch keine Bobos und Single-Haushalte gab. Von anno dazumal, als man sich die eigene Welt nur als einen großen, garantiert patchworkfreien Familienverband vorstellen konnte. Hat ausgedient. Eine Bewegung hingegen befindet sich auf der Höhe der modernen Zeit. Wo ein heißer Scheiß auftaucht, flitzen alle hin, erscheint der nächste, saust man eben in eine andere Richtung. Da kommt nie Langeweile auf, von Politikverdrossenheit kann keine Rede sein. Alle. Immer. Dabei! Die Mach-mit-Gesellschaft ist die Fortsetzung der Spaßgesellschaft mit digitalen Mitteln. Und was machte mehr Spaß, als immer wieder mal was Neues. Außerdem kann niemand mehr den Zeigefinger erheben und sagen: Dies oder das ließe sich aber mit den Prinzipien der Partei nicht vereinbaren. Konträr: Yes, we can!