Ein Tag in New York, zwei Männer besuchen die Generalversammlung der Vereinten Nationen. Der eine hat vor etwas mehr als einem Jahr der Brexit-Bewegung zum Sieg verholfen, der andere wurde kurze Zeit später ins Weiße Haus gewählt. Schon erstaunlich, was Boris Johnson und Donald Trump erreicht haben. Noch erstaunlicher, wie sie ihr Wirken beurteilen. Viele Briten, Amerikaner und anwesende Regierungschefs könnten der Meinung sein, dass die beiden sich selbst und ihre Länder lächerlich machen. Doch Johnson und Trump scheinen in New York durchaus zufrieden zu sein.

Alle Welt redet über sie – ist das nicht auch eine Form globaler Politik?

Boris Johnson gibt Interviews zu Gerüchten aus London: Angeblich will er zurücktreten, falls Theresa May ihren Brexit-Kurs weiter abschwächt. Warum, das hat er kürzlich in einem 4200-Worte-Manifest zur glorreichen Zukunft Großbritanniens aufgeschrieben: Er, und nur er, kämpfe für das britische Volk. Ein Gedanke, der an Originalität kaum zu übertreffen ist. Auch sein Zeitmanagement ist bewundernswert: Wie schafft dieser Mann es bloß, neben seinem Job als Außenminister so lange Texte zu verfassen?

Donald Trump gibt sich ebenfalls alle Mühe, aus der wichtigsten Versammlung der Weltregierung eine Ego-Show zu machen. Für den Fall, dass irgendein Präsident auf den hinteren Reihen noch nicht mitbekommen hat, dass Amerika das größte Opfer von allen ist, wiederholt er es noch mal. Und noch mal. Und noch mal. Gleichzeitig spricht er vom glorreichen "Erwachen der Nationen" – und meint damit vor allem die eigene.

"Britain first", "America first", läuft doch. So bewerten es die Anführer der nationalistischen Internationale. Sehen sie etwas, das der Rest der Welt nicht sieht? Oder haben sie sich einfach nur im Spiegelkabinett ihrer eigenen Projektionen verlaufen?

Vielleicht ist es nur logisch, dass zwei Narzissten wie Johnson und Trump aus ihrem Charakter eine Weltanschauung ableiten. Es gibt da eine Verführung, die eigenen Interessen mit denen des Landes zu verwechseln. Wenn jeder Staat sich stärker auf sich selbst konzentrieren würde, rät Trump vor den Vereinten Nationen, erstarke auch die internationale Gemeinde. Wenn Großbritannien erst mal unabhängig sei, philosophiert Johnson, sei es ein besserer Partner für die EU.

Dumm nur, dass sich beide Länder aufgrund der Globalisierung nicht einfach von anderen Staaten lösen können, wie der Brexit gerade zeigt. Oder das Beispiel Nordkorea. Selbst für Trump ist es nicht so einfach, das Land "völlig zu zerstören", wie er es bei seiner Rede vor den UN androhte, ohne vorher ein paar Worte mit den Chinesen zu wechseln. Auch ein Deal mit den Südkoreanern wäre zunächst hilfreich, um nicht als diejenige Macht dazustehen, die die Einwohner von Seoul auf dem Altar des eigenen Größenwahns geopfert hat. Gleiches gilt für die Bekämpfung des IS (für die Trump Russland braucht) und den Bau der Mauer (die Mexiko bezahlen soll). Wohin man schaut: Kein "America first"- Projekt ohne Hilfe von anderen.

Auch die Loslösung von der EU kann nur mit deren Einverständnis gelingen. Seit Wochen ist die britische Regierung damit beschäftigt, Papiere vorzulegen und Kompromisse anzubieten, damit die Scheidung sauber abläuft. Johnson selbst soll einem Freund gesagt haben, dass man bei Verhandlungen mit der EU nicht gewinnen kann. Er ist klug genug, um zu wissen, dass die britische Wirtschaft auf ihre europäischen Handelspartner angewiesen ist und vice versa. Möglich, dass seine Rücktrittsdrohung auch eine politische Lebensversicherung ist: Falls die Brexit-Verhandlungen unter ihrer Komplexität zusammenbrechen, kann er mit den Schultern zucken, seinen Hundeblick aufsetzen und sagen: Ich wollte doch etwas ganz anderes!

Es ist ein anstrengendes Jahr für Boris Johnson und Donald Trump. Der eine reist nun um die Welt, um die diplomatischen Beziehungen eines ramponierten Landes zu verschlimmern. Der andere ist abwechselnd mit Krisenmanagement und der Verursachung neuer Krisen beschäftigt. Man muss es ihnen lassen: Was eine Politik des Egoismus erreichen kann, das haben beide äußerst eindrucksvoll demonstriert.