DIE ZEIT: Seit dem Jahr 2009 ist die Zahl der Unterernährten beständig gesunken, zuletzt auf 777 Millionen Menschen. Für 2016 melden die Welternährungsorganisation FAO und weitere Institutionen der Vereinten Nationen (UN) jetzt erstmals wieder eine Zunahme: 815 Millionen haben nicht genug zu essen. Wieso?

Alexander Müller: Schuld sind bewaffnete Konflikte, der Zusammenbruch staatlicher Strukturen und die Auswirkungen des Klimawandels. Das alles trifft besonders die Ärmsten. Ein Bericht über Reichtum würde zeigen: Hunger und die Vermögen der Reichen nehmen parallel zu.

ZEIT: Kann das sein: ein so dramatischer Anstieg um 38 Millionen in nur einem Jahr?

Müller: Der Trend ist leider unbestreitbar. Er überrascht kaum angesichts der Kriege im Jemen, in Syrien oder im Südsudan.

ZEIT: Sind die FAO, das Welternährungsprogramm und die Hilfsorganisationen in solchen Konfliktregionen hilflos?

Müller: In jedem Fall können sie Flüchtlinge in den Lagern versorgen. Dass die reichen Staaten das Welternährungsprogramm dafür nicht mit genügend Mitteln ausstatten, ist ein Skandal.

ZEIT: Kann die internationale Gemeinschaft dazu beitragen, dass die eigentlichen Ursachen eingedämmt werden – die Gewaltkonflikte?

Müller: Der Westen trägt oft eine Mitverantwortung. Beispielsweise wurde die Region in und um Libyen durch den Militärschlag gegen Gaddafi destabilisiert. Angesichts der dramatischen Entwicklungen muss das System der Entwicklungshilfe grundlegend reformiert werden. Es beginnt mit der Frage: Wie kann man die Schutzverantwortung der UN umsetzen? Die UN müssen zudem Mechanismen entwickeln, um gegenzusteuern, wenn Staaten zusammenbrechen. Bloß Lebensmittel abzuwerfen, wenn es zu spät ist, kann keine Lösung sein. Hungernde und Flüchtlinge dürfen uns auch nicht erst dann interessieren, wenn sie bei uns auftauchen.

ZEIT: Und der Klimawandel: Können sich die Bewohner besonders gefährdeter Regionen gegen seine Folgen wappnen, oder bleibt ihnen nur fortzugehen?

Müller: Ja, es wird mehr Flüchtlinge geben. Aber wir kennen auch sehr gute Beispiele, wie die Landwirtschaft dem Klimawandel trotzen kann. Es gilt, aufzuforsten, Boden und Wasser nachhaltig zu bewirtschaften, eine Vielfalt lokaler Pflanzenarten anzubauen, das gesamte Ökosystem zu stärken und bei all dem eng und langfristig mit Kleinbauern und Kommunen zusammenzuarbeiten. Das sind enorme Anstrengungen. Leider setzen die meisten Regierungen immer noch auf ein bequemes Weiter-so.

ZEIT: In vielen Krisenregionen verstärken sich Klimawandel, Krieg, Armut und Hunger gegenseitig. Wo sollte man zuerst anpacken?

Müller: Bei den Ursachen des Klimawandels, damit sich die Lage nicht unkontrollierbar weiter zuspitzt. Vor allem wir Bewohner der reichen Industrieländer haben ihn zu verantworten, deshalb müssen wir endlich rigorose Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgase ergreifen. Wir tun viel zu wenig!

ZEIT: Die FAO sagt für das kommende Jahr weltweite Rekordernten und volle Silos voraus. Wie passt das zu den Hungerdaten?

Müller: Es zeigt, dass niemand hungern müsste. Die Welt produziert genug für alle. Während die einen nicht genug zu essen haben, werfen die anderen ein Drittel aller Lebensmittel weg. Was wir erleben, ist Hunger im Paradies.

ZEIT: In den letzten Jahren investierten G8 und G20, Unternehmen oder Stifter wie Bill Gates Milliardensummen in die Hungerbekämpfung. Waren ihre Rezepte unzulänglich?

Müller: Offensichtlich! Vor allem der Versuch, das industrielle Landwirtschaftssystem der reichen Länder auf Afrika zu übertragen, wird weiterhin scheitern. Der Hunger nach der jetzigen Dürreperiode ist ein schlagender Beweis dafür. Hochleistungssaatgut, wie wir es in Europa kennen, hält den dramatischen Auswirkungen des Klimawandels nicht stand. Man hat die Kleinbauern, die in Entwicklungsländern bis zu 80 Prozent der Lebensmittel produzieren, zu wenig unterstützt. Ja, sie werden auch noch mit Agrarexporten aus Industrieländern aus den Märkten gedrängt. Wir müssen endlich umdenken.

ZEIT: Was bedeuten 815 Millionen Hungernde für das UN-Ziel "Null Hunger" bis 2030?

Müller: Die Agenda 2030 ist eine politische Absichtserklärung. Trotz aller Konferenzen: Wir sind noch sehr weit davon entfernt, diese Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Die erschreckenden neuen Zahlen müssen ein Weckruf sein.