Ja ist er denn von allen guten Geistern verlassen? Ausgerechnet Linken-Chefin Sahra Wagenknecht, die Anführerin einer nicht gerade mehrheitsfähigen Partei in Deutschland, fand nach der Rede von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in der vergangenen Woche in Straßburg spontan die Worte, die den Seelenzustand vieler Deutscher wiedergaben. Juncker hatte seine Vision für Europa vorgetragen und dabei unter anderem vorgeschlagen, über kurz oder lang den Euro für alle Mitgliedsländer einzuführen, auch für Rumänien und Bulgarien.

Das ist, als schrieben wir nicht das Jahr 2017, sondern Vor-Euro-Zeiten, Bonner Zeiten, Kohl-Jahre. Als viele noch davon träumten, dass eine Währungsunion die politische Union Europas quasi automatisch herbeiführen könnte.

Aus diesen Jahren gibt es eine Geschichte, die diese Zeiten gut illustriert. Der amerikanische Ökonom Allan Meltzer, bis zu seinem Tod im Frühjahr dieses Jahres einer der führenden Währungsexperten der Welt, war zu Besuch in Bonn. Er sollte eine Rede halten, der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl war unter den Zuhörern. "Kohl kam zu mir und fragte: Wieso sind die Ökonomen nicht für den Euro?" So erinnerte sich Meltzer Jahre später an die Begegnung. Er habe dem Kanzler geantwortet: "Der Euro ist eine politische Entscheidung. Die Ökonomie wird entscheiden, ob er funktioniert." Kohl habe das nicht gefallen. "Er hat sich für Ökonomie nie interessiert, also ist er gegangen."

Jahre danach geschah das, was Meltzer wie viele seiner Kollegen vorausgeahnt hatte. Die Wirklichkeit zeigte, dass man die Regeln der Ökonomie nicht mit politischem Willen aushebeln kann. Auch wenn Ökonomen immer wieder – zu Recht – gescholten werden, dass sie die Finanzkrise nicht kommen sahen: Die Euro-Krise sagten sie präzise vorher. Die erste Griechenlandkrise 2010 war der Anfang, bis sich die Krise zum Höhepunkt im Sommer 2012 steigerte. Seither hat die Europäische Zentralbank die Sache übernommen.

Das ist nun fünf Jahre her. Und eigentlich sollte nach fünf Jahren der Zeitpunkt gekommen sein, den Krisenmodus zu verlassen und die wesentlichen Lehren aus der Krise in Politik umzusetzen. Fünf Jahre nach der Finanzkrise etwa, 2013, begann man das neue Regelwerk für die Banken umzusetzen, es trägt den kryptischen Titel Basel III. Es verlangt von den Banken, wesentlich mehr Eigenkapital vorzuhalten, und macht sie damit sicherer. 2017, fünf Jahre nach dem Höhepunkt der Euro-Krise, wäre es Zeit, dass endlich etwas passiert. Dass eine Entscheidung fällt: Liegt die Zukunft des Kontinents in mehr oder weniger Europa?

Doch wer Juncker zuhört, der bekommt den Eindruck, dass es bei manchen Politikern immer noch an der simplen Erkenntnis mangelt, was überhaupt das Problem ist. Wie Kohl scheint sich Juncker für Ökonomie wenig zu interessieren. Anders als Kohl jedoch wider die eigene Erfahrung. Die Währungsunion zerbrach vor wenigen Jahren fast daran, dass die Wirtschaftskraft ihrer Mitglieder so unterschiedlich war. Diese Währungsunion nun in die Zukunft zu führen, indem man noch mehr Länder integriert, darunter ökonomisch äußerst schwache, geht gegen jede Logik.

Dumm war es von Juncker trotzdem nicht, seine Rede zu halten. Es war sogar politisch äußerst geschickt. Denn er zwang die deutschen Politiker dazu, sich mitten im Wahlkampf zu seinen Ideen zu verhalten. Und das, obwohl mindestens die beiden großen Parteien versucht hatten, das Thema Euro so weit wie möglich herauszuhalten aus dem Wahlkampf. Das geht nun nicht mehr. Junckers Rede und die heftigen öffentlichen Reaktionen darauf mitten im Wahlkampf zeigten deutlich, dass die Bundestagswahl keine interne Angelegenheit des Landes mehr ist. Es ist die erste echte europäische Wahl, die Deutschland erlebt. Es ist eine Wahl, für die sich ganz Europa interessiert und die über die Zukunft der EU wesentlich mitentscheidet.

Die Regierungschefs der anderen Länder haben das längst erkannt. Junckers Rede war nur die erste. Die britische Regierungschefin Theresa May folgt an diesem Freitag in Florenz. Der französische Präsident Emmanuel Macron plant seine Zukunftsrede für kommenden Dienstag, also mitten in der Koalitionsdebatte.

Es ist eine Art Eurovision Contest in vollem Gange, der ein Ziel hat: die Bürger in Europa zu begeistern – und vor allem von den Deutschen endlich mal zwölf Punkte zu bekommen: "Allemagne, douze points". Und es ist eine Veranstaltung, bei der sich bislang ein Land weigert, als Kandidat selbst mit einer Eurovision anzutreten: Deutschland.