"Da ist etwas für dich angekommen", sagte die Nachbarin. "Es ist riesig." Ich saß gerade im Wartezimmer des Zollamts, um die Früchte eines weißweinschorlengetriebenen nächtlichen Online-Einkaufs in Übersee zu ernten, als ihre Sprachnachricht mich erreichte. Ich riss die Arme in die Höhe, rief mittellaut "Hurra!" – und war fast enttäuscht, dass im Anschluss nicht all die anderen Wartenden und die Zollbeamten in sorgfältig choreografierten Gesang und Tanz ausbrachen, wie es bei den Musical-Sonderfolgen ambitionierter Serien geschieht. Es war da, ER war da!

Nach fünf Jahren habe ich wieder einen Fernseher. Und frage mich, wie ich es so lange ohne ihn ausgehalten habe. Ich war ja nie eine von denen, die finden, dass man den Tag am besten mit einem guten Buch beschließt. Mir gefielen die Abende auf dem Sofa, die immer gleich abliefen: zum Aufwärmen ein bisschen zappen, dann irgendwo hängen bleiben, Fernbedienung weglegen und alles Weitere in stoischer Sendertreue geschehen lassen. Lineares Fernsehen nennt man das heute. Und man sagt, es sei tot. Wer so seine Zeit verbringt, gilt als gestriger Trottel. Wie einer, der meint, er brauche kein Handy, er habe ja Festnetzanschluss.

Irgendwann ging der Fernseher kaputt, wegen Faulheit verschleppte ich den Neukauf, dann vergaß ich, dass ich überhaupt einen brauchte. Ich hatte zur Überbrückung begonnen, Serien auf meinem Laptop zu streamen, und blieb dabei. Mit der Zeit aber war ich es herzhaft leid, mich nach jeder aufgebrauchten Saga neu durch die endlosen Kataloge der On-demand-Anbieter fressen zu müssen, die so fad schmecken wie der Grießbreiwall an der Schwelle zum Schlaraffenland. Mir wurde es lästig, immer auf dem neuesten Stand zu bleiben. Denn die Serien, von denen die cool kids so redeten, waren selten die, die man regulär auf Netflix oder Maxdome fand. An manches kam ich nur durch würdelose Stocherei in toten Links und schäbigsten Werbe-Pop-ups auf halb legalen Portalen. Natürlich konnte ich das Fundstück dann nur in schummriger Auflösung sehen, in meinem Bett croissantförmig um den Laptop gekrümmt.

Wie ich da so lag, die Nierenpartie unter dem hochgerutschten Schlafhemd paniert von Chipskrümeln, und gegen drei Uhr nachts die letzte Praline aus der "Edle Tropfen in Nuss"-Packung aufaß, fühlte ich mich unwürdiger als diese Knallchargen aus alten Comicstrips, die in Unterhemd und ausgetretenen Schlappen vor dem TV-Gerät sitzen. Ich wollte nicht mehr streamen; ich wollte glotzen. Das, was eben gerade so läuft.

Ich wuchtete den wirklich riesigen Karton von der Nachbarinnenwohnung in den Aufzug und weiter in meine Wohnung. Von überdimensionierten technischen Geräten ging für mich immer schon etwas Verlässliches aus. Darum ist mein Kühlschrank größer als ich, und mein Standmixer könnte mühelos den Tierbestand einer mittelgroßen Tapirfarm mit Gemüsepüree versorgen. Ich finde es unerquicklich, dass viele Gadgets immer kleiner werden, so wie der iPod, der vom kastigen Viertelpfünder immer dünner schrumpfte und schließlich ganz im iPhone verschwand. Der Nachteil an meinem Prunk-Fernseher: Ich konnte ihn nicht allein auf die vorgesehene Kommode wuchten, sondern benötigte die Hilfe meiner Schwester, die erst Stunden später von der Arbeit heimkehrte. Zusammen hoben wir das Gerät an seinen Platz, schalteten es an – und bestaunten das Bild wie zwei Amische beim unerlaubten Besuch im Elektrofachmarkt. Es hat sich doch ein bisschen was getan in den vergangenen fünf Jahren.

Zur Feier des Tages hatte ich Erdnussflips besorgt, die bevorzugte Knabberware unserer Kindheits-Fernsehabende, und die Tüte schon ein paar Stunden vor dem Verzehr geöffnet, damit die inliegenden gelben Würmchen diese von Connaisseuren geschätzte leicht gummiartige Konsistenz bekamen. Wie Plumpsäcke ließen wir uns auf das Sofa fallen – und in das unter fünf Staffeln Breaking Bad und 92 Folgen Mad Men verschüttete, vergessene Gefühl der Erleichterung, für das wir das Fernsehen früher geliebt hatten. Nicht auswählen müssen, faul sein dürfen.

Das Wort dafür ist sich "berieseln lassen", und fast immer wird es miesepetrig gebraucht. Aber ist es nicht in Wahrheit eine herrliche Vorstellung, die nach Streicheltropfen und niedertaumelnden Blütenblättern klingt? Der Berieselte spürt den sanften Regen des Geschehenlassens.

Leider bedeutet das manchmal auch: Penisse. An meinem ersten neuen Fernsehabend geriet ich unbeabsichtigt ins Genitalgebömmel einer neuen Datingshow, in der die Kandidaten schon beim Kennenlernen blankziehen. Wie die Glieder, fahl auf knallrotem Rasierbrandgrund, an ihren Trägern baumelten, die sich in mannshohen Terrarien zur Begutachtung aufgereiht hatten; wie eine völlig ernsthafte Moderatorin sie beschrieb, als stünde sie vor einer Auslage köstlicher Eclairs – das war nicht schön.