Antwort Nummer eins: Alle gehen in die Bürgerversicherung

Nach diesem Konzept würden auf die Dauer sämtliche Bürger Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse. Sie würden ihrem Einkommen entsprechend unterschiedlich hohe Beiträge zahlen und dafür eine einheitliche medizinische Versorgung erhalten. Für individuell gewünschte Extras, etwa das Einzelzimmer im Krankenhaus oder bestimmte homöopathische Behandlungen, wären private Zusatzversicherungen nötig.

SPD, Grüne und Linkspartei befürworten dieses Modell, auch wenn sie ihm verschiedene Namen geben. Von "paritätischer Bürgerversicherung" ist bei der SPD die Rede, von "Bürger*innenversicherung" bei den Grünen und von "Solidarischer Gesundheitsversicherung" bei der Linkspartei. Im Detail unterscheiden sich ihre Wahlkampfaussagen. So betont die Linkspartei, dass sie sämtliche Einkünfte zur Berechnung des Krankenkassenbeitrags heranziehen will, egal ob Lohn, Zinseinkünfte oder Gewinne – und das in unbegrenzter Höhe. Die Grünen wollen laut ihrem Wahlprogramm ebenfalls auf Aktiengewinne und andere Kapitaleinkünfte Krankenkassenbeiträge erheben, allerdings wohl nicht unbegrenzt. Bei den Sozialdemokraten heißt es dagegen nur, die Bürgerversicherung müsse "gerecht finanziert" werden.

Kritiker des Modells warnen vor einer "Einheitsversicherung", die den Bürgern weniger Auswahl als heute biete und kaum noch Wettbewerb zulasse. Am Ende drohe die Kürzung von Gesundheitsleistungen. Zugleich wird behauptet, die Bürgerversicherung werde erst recht die Zwei-Klassen-Medizin vorantreiben – weil jeder Wohlhabende, der mehr als das vorgegebene Leistungsspektrum haben wolle, sich privat zusatzversichern werde.

Als schwierig gilt in jedem Fall der Übergang zur Bürgerversicherung. Die Verträge der heutigen Privatversicherten könne der Staat nicht einfach für nichtig erklären, warnen Juristen. Die SPD will es Privatversicherten deshalb freistellen, ob sie wechseln. Nur Menschen, die sich neu versicherten, müssten in die Bürgerversicherung. Selbst dann drohten den privaten Versicherungen aber womöglich Probleme, weil sie keine neuen Kunden mehr gewinnen dürften. Vielleicht müsste der Staat sie sogar stützen, damit die verbliebenen Privatversicherten die vertraglich zugesicherten Leistungen bekommen. So oder so könnte es siebzig Jahre dauern, bis schließlich alle Menschen in der Bürgerversicherung wären.

Antwort Nummer zwei: Kleine Verbesserungen, mehr nicht

Vor etwas mehr als zehn Jahren wollte die CDU das Gesundheitssystem radikal umbauen. Zusammen mit der FDP warb sie für eine Kopfprämie, die sie "solidarische Gesundheitsprämie" nannte. Der Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung sollte unabhängig vom Gehalt erhoben werden. Das hielten damals viele Experten für sinnvoll. Angesichts massenhafter Arbeitslosigkeit sollte die Finanzierung des Gesundheitswesens nicht mehr auf die Arbeitskosten abgewälzt werden. Doch um dieses Modell ist es still geworden.

Die Arbeitslosigkeit ist heute niedrig, die Einnahmen der gesetzlichen Kassen sind hoch, und CDU/CSU schlagen nur noch kleine Verbesserungen vor. So erwähnen sie in ihrem Programm einen Masterplan für ein verändertes Medizinstudium, einen Innovationsfonds in der Gesundheit und ein Nationales Internetportal für medizinische Informationen. Ansonsten heißt es in ihrem Wahlprogramm: "Deutschland hat eines der besten Gesundheitswesen der Welt." Das System aus gesetzlichen und privaten Versicherungen habe sich bewährt und solle erhalten bleiben. "Die Einführung einer sogenannten Bürgerversicherung lehnen wir ab."

Antwort Nummer drei: Privatversicherungen erhalten, aber für fairen Wettbewerb sorgen

Ähnlich wie die Union hält die FDP an der Doppelstruktur aus gesetzlichen und privaten Versicherungen fest. Allerdings üben die Liberalen auch deutliche Kritik. Der Wettbewerb zwischen den beiden Systemen funktioniere nicht richtig. Die FDP will deshalb wichtige Regeln ändern: Künftig solle jeder Bürger unabhängig von seinem Einkommen entscheiden dürfen, in welches Versicherungssystem er gehe. Dafür müssten die privaten Versicherer verpflichtet werden, jeden zu einem Basistarif aufzunehmen. Auch soziale Leistungen wie die kostenfreie Mitversicherung von Kindern oder Ehepartnern dürfte es, so die FDP, nicht allein bei den gesetzlichen Kassen geben. Entsprechend solle auch der Zuschuss des Bundes, den derzeit nur die gesetzlichen Krankenkassen bekommen, "für alle Versicherten gelten oder keinen".

Dass die Konkurrenz der beiden Versicherungszweige auf eine bessere Grundlage gestellt werden müsse, meint auch der Hamburger Gesundheitsökonom Mathias Kifmann. Er hat ein eigenes Modell entworfen, das er "Fairen Systemwettbewerb" nennt. Oberflächlich ähnelt der FDP-Ansatz seiner Idee. Aber der Professor vom Hamburg Center for Health Economics will zusätzliche Solidarität ins System bringen. So würden nach seinem Konzept Privatversicherte und Kassenpatienten in einen gemeinsamen Gesundheitsfonds einzahlen, der das Geld dann gestaffelt nach dem Alter und dem Gesundheitszustand der jeweiligen Kunden an die Versicherungen umverteilt. Wer mehr Alte und Kranke aufnähme, bekäme auch mehr Geld.

Antwort Nummer vier: Alles okay – wenn nur die Migranten nicht wären

Die AfD will das bestehende Gesundheitssystem weitgehend unverändert lassen. Sie warnt aber, es sei durch politische Fehlentwicklungen in Gefahr geraten: "Die von den Kassen zu tragenden Kosten für Migranten, Flüchtlinge und Asylbewerber laufen aus dem Ruder, und durch die verfehlte Zinspolitik der Europäischen Zentralbank können die kapitalgedeckten privaten Krankenversicherungen keine ausreichenden Rücklagen mehr bilden." Der Spitzenverband der gesetzlichen Kassen erklärte im Juli, für Arbeitslosengeld-II-Empfänger erhielten die Kassen einen zu geringen Beitrag, das sei aber "im Kern kein Flüchtlingsproblem".