Sie klingt nach Nostalgie und Heimatverbundenheit. Uroma hat sie noch gesammelt und zu Marmelade gekocht. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben widmete ihr das Lied Ein Männlein steht im Walde. So wirkt die Hagebutte: nett, aber aus der Zeit gefallen. Dabei ist die Scheinfrucht der Wildrose, die im Herbst dem Spaziergänger knallrot entgegenleuchtet, längst ein Produkt der Globalisierung. Und ein sträflich unterschätztes dazu. Würde heute jemand auf einer fernen Insel die Hagebutte neu entdecken, dauerte es gewiss nicht lange, bis diese exotische rote Frucht auf der nächsten Ernährungs- oder Trendmesse als Superfrucht deklariert würde.

Lebensmittelhersteller schätzen die Hagebutte als Vitaminquelle sehr. Ihr Fruchtfleisch enthält bis zu zwanzigmal so viel Vitamin C wie eine vergleichbare Menge Zitronen, dazu noch die Vitamine A und B sowie reichlich Kupfer und Zink. Wer hätte gedacht, dass die olle Hagebutte damit zu den Vitamin-C-reichsten Früchten der Welt zählt: Nur der australischen Buschpflaume, der südamerikanischen Exotenfrucht Camu Camu und der hippen Acerolakirsche muss sie sich geschlagen geben.

Am wichtigsten jedoch ist die Hagebutte für die deutsche Früchtetee-Industrie – womit wir wieder beim ambivalenten Image der Traditionsfrucht wären. Verbinden sie doch viele im ersten Moment mit fad schmeckendem Jugendherbergstee, dem Schrecken jeder Klassenfahrt, und nicht mit so attraktiv klingenden Teezubereitungen wie "Heiße Liebe" oder "Strawberry Cheesecake". Was sich jedoch in solchen zeitgenössischen Früchtetees verbirgt? Ganz viel getrocknete Hagebutte. Nachgefragt bei der Wirtschaftsvereinigung Kräuter- und Früchtetee, heißt es: "Der Anteil dürfte bei Früchtetees deutlich über der Hälfte liegen …" So mancher Tagtraumtee für trübes Wetter besteht laut Stiftung Warentest "hauptsächlich" aus Uromas Herbstfrüchtchen.

Trotzdem kultiviert kaum jemand hierzulande dieses Vitaminwunder. Zwar werden in Deutschland rund 7000 Tonnen jährlich zu Früchtetees, Marmelade und Co. verarbeitet – der nötige Rohstoff stammt jedoch fast komplett aus Osteuropa, China oder Chile: einmal um die Welt also statt Männlein im Walde.

Wieso? Tatsächlich ist die Ernte mühsam. Die Dornen der Wildrosen sind spitz, ihre Früchte sitzen Ende August, wenn die heimische Erntezeit beginnt, meist noch fest am Stiel. Erntemaschinen oder gar -Roboter gibt es nicht. Alles muss von Hand gepflückt werden, zerkratzte Arme gehören dazu. Und erst die Verarbeitung! Wer sich noch an das pubertäre Vergnügen erinnert, die widerhakenbewehrten Kerne der Hagebutte aus der Frucht herauszupulen, um sie als Juckpulver zu benutzen, der kann erahnen, wie mühsam das Geschäft mit diesem Widerborst von Gewächs ist.

Vielleicht muss man Schwabe sein, um sich darauf einzulassen, so wie Patrick Latzko. Der 30-Jährige aus Bad Boll bei Stuttgart ist der mutmaßlich einzige Hagebuttenbauer Deutschlands, und zwar schon in fünfter Generation. Manchmal werde er deswegen belächelt oder ungläubig gefragt, ob er davon leben könne, erzählt Latzko. "Ich bin mit der Hagebutte aufgewachsen und wollte nie was anderes machen", sagt er. "Nur recht" sei es ihm, der Einzige seiner Art zu sein. "So habe ich ein Alleinstellungsmerkmal." Latzko macht hauptsächlich Marmelade aus ihr, neuerdings verarbeitet er die rote Frucht aber auch zu Pesto, Essig oder Seife. Die Nachfrage steigt, er erweitert gerade seine Plantagen. Von den vier Tonnen, die er durchschnittlich in einer Saison pflücke, könne er aber am Ende höchstens 40 Prozent tatsächlich als Hagebuttenmark für seine Marmelade gebrauchen.

Abfall sind die übrigen 60 Prozent keineswegs. Das kalt aus den Kernen herausgepresste Öl eignet sich für Cremes und weitere Pflegeprodukte. Die darin enthaltene Linolensäure soll, so verspricht die Werbeprosa der Kosmetikindustrie, die Zellerneuerung beschleunigen. Angeboten wird dieser Kernsaft den Trägern "trockener, rissiger und schuppiger Haut" allerdings nicht als biederes Hagebuttenerzeugnis – sondern weit klangvoller als "Wildrosenöl".

Und, wie könnte es bei einem heimischen Gewächs auch anders sein, schon Hildegard von Bingen sagte der Heckenfrucht im 12. Jahrhundert Heilkräfte nach. Immerhin deuten mehrere Studien aus den vergangenen zehn Jahren auf eine mögliche Linderung von Arthrosebeschwerden hin. Weshalb es die Hagebutte als Pülverchen in Apotheken und Reformhäuser geschafft hat.

Nur: So wie andere Früchte, also roh, wird sie selten gegessen. Vielleicht wegen ihrer herbstlichen Eigenart: Süß wird sie erst nach dem ersten Frost. Doch auch danach lassen sich Fruchtfleisch und Kerne noch immer so schwer voneinander trennen wie die Frucht und ihr Uroma-Image. Wobei, in Zeiten, da ernährungsbewusste Hipster für Goji-Beeren oder Chia-Samen nur noch ein müdes Lächeln übrig haben, hat die heimische Superfrucht aus der Hecke vielleicht eine Chance.