Warum nicht den Schuster am Bahnhof in der Westland Row, wo Böll in Dublin ankam, nach dem Irischen Tagebuch fragen? Schon die Lage von Franks Dart Shoe Bar ist charaktervoll und irgendwie gutartig reböllisch. Ein ehrliches Holzbüdchen zwischen zwei schneidigen Kaffee- und Donutshops, an der schmalen Wand ein Hämmerchen. "Das Irische Tagebuch?", wundert sich Frank, der to go-Schuster. "Ja, davon habe ich gehört. Warum fragen Sie?" Ich erzähle von Irland und Böll und dem Text, der für diese Zeitung entstehen soll. "Oh", lächelt Frank entschuldigend. "Was weiß schon ein Schuster über Nobelpreisträger? Fragen Sie doch die Bahnhofsverwaltung." Das mit dem Nobelpreis hatte ich gar nicht erwähnt. Was ein bescheidener irischer Schuster so alles über deutsche Schriftsteller weiß.

Ich laufe weiter zur St. Patrick’s Cathedral. Religion war ein Magnet für den Katholiken Böll im tiefgläubigen Irland. Also besuchte er schon bald die größte Kirche des Landes. Ich bin ein weltlicher Jude mit Groll auf die christliche Geschichte. Aber würde mich dennoch gern auf die spirituelle Stimmung einlassen, in der Böll durch die fast leere, kalte Kathedrale schritt. Allerdings waren bei seinem Besuch die Wolken schwarz, und am Eingang stand ein armloser Bettler mit epileptischem Gesicht. Bei meiner Visite rennen lauter spanische Schulklassen herum und schießen Selfies.

Friday! Auf in die Pubs, wo auch Herr B. nach der Kirche hinspazierte. Sein Ziel dort war überraschend hedonistisch – die Caissons, Einzelsäuferkojen mit Ledervorhang: "in diese sperrt sich der Trinkende selbst ein wie ein Pferd; um mit Whiskey und Schmerz allein zu sein, mit Glauben und Unglauben, versenkt er sich tief unter die Zeit". Konnte ja keiner ahnen, dass Gebetsböll für solche Trinkerträumereien zu haben ist! Höre ich da einen kleinen Rülpser?

Die Caissons wurden damals in vielen Pubs verbaut und heißen heute Snugs. Die Ledervorhänge sind inzwischen ab und die Snugs vor allem bei Frauengrüppchen beliebt, weil man dort in privater, aber offener Runde beisammensitzen kann. Ist es schwierig, an einem Friday einen IT-Experten mit dem Händedruck eines Boxers als Trinkkumpanen zu gewinnen? Überhaupt nicht!

"Ich hätte Sie nicht für einen Informatiker gehalten, Michael."

"Wegen meines exzellenten Aussehens und meiner klangvollen Stimme?"

"Ja, genau deswegen."

"Das höre ich ständig."

Nein, dieser IT-Ire ist bestimmt nicht unglücklich.

Die nächsten Spuren Bölls führen mit dem Zug nach Limerick. Die Schafe auf den vorbeiziehenden Moosfeldern, säuberlich eingezäunt, können nur noch in Erinnerungen an ihre Ära als Herrscher der irischen Straßen schwelgen. Der Stadtname Limerick ist gleichbedeutend mit einer bestimmten Art von Gedicht, das eigentlich eher ein verschlüsselter Witz ist. Tatsächlich ist der Dialekt der Limericker irgendwie verschlüsselt. Wenn sie mit einem reden, scheinen ihre endemisch englisch-irischen Sätze von einer Wange in die andere zu hüpfen und gar nicht richtig an die frische Luft kommen zu wollen.

Die Stadt der verschlüsselten Witze liegt im mittleren Westen des Landes. Was treibt nun dieser verrückte Herr B. hier? Er schickt ein Puzzle an seine Kinder in Deutschland! Wer versendet bitte ein Puzzle aus dem Ausland? Und schreibt dann auch noch ins eigene Buch, dass er ein Puzzle aus dem Ausland verschickt hat? Das ist so lahm, dass es schon wieder unprätentiös ist, opasüß.

Ich komme am Christopher Street Day an, und es ziehen allerlei freie Geschlechter mit regenbogenfarbenen Engelsflügeln und High Heels durch die früher angeblich frommste Stadt Irlands. Dass die Kirche damals diktierte, was sexuell und intellektuell richtig ist, hätte Böll von mir aus gern im Tagebuch problematisieren dürfen. Stattdessen bleibt er der scharfsinnige, aber vor schmerzhaften Aussagen zurückschreckende Ehrfürchtige in der Fremde. Ein wenig Kleruskritik hat noch keinem Republikgewissen geschadet. (Zugegeben, Böll äußerte die in anderen Werken.)