Fehlt da nicht was? – Seite 1

Mancher Kunde an der Supermarktkasse oder am Süßwarenautomaten dürfte sich beim Hervorkramen von Kleingeld bald zwei Fragen stellen. "Ist das nicht ...?" Vor allem aber: "Fehlt da nicht etwas?"

Der Mann, um den es geht, ist prima getroffen. Sein markanter Scheitel, der energische Blick. Jahrelang hat Helmut Schmidt Deutschland geprägt, nun lässt Deutschland ihn prägen: auf eine Zwei-Euro-Münze, die Anfang 2018 in Umlauf kommt, zum 100. Geburtstag des früheren Bundeskanzlers. Auf dem Geldstück ist Schmidts Porträt, man sieht seine rechte Hand. Allerdings fällt auch gleich auf, was man nicht sieht: eine Zigarette. Nanu?

Helmut Schmidt, das hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, war der Mann mit der Zigarette. Tabakqualm umgab ihn ständig, selbst auf Bühnen und in TV-Studios. Schmidt trotzte jedem, der ihm seine Glimmstängel verbieten wollte. "Das Rauchen ist ein harmloses Laster", sagte er 2012, drei Jahre vor seinem Tod, in einem Interview mit dem ZEITmagazin. "Diese Anti-Raucher-Kampagne ist eine vorübergehende Modeerscheinung, die wird in zwanzig Jahren wieder zu Ende gehen. Das ist so wie mit der Prohibition, die ist auch gescheitert."

Haben post mortem, bei seinem Gedenken, nun doch die Tugendwächter gesiegt? Darf Schmidt nicht der Raucher sein, der er war, weil die Political Correctness es verbietet? Weil nach deren Befinden auf jedem deutschen Euro-Stück, das eine Zigarette abbildet, ein Warnhinweis stehen müsste: statt "Einigkeit und Recht und Freiheit" auf dem Münzrand zur Abschreckung also die Worte "Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit"?

Wer den Schmidt-Euro betrachtet, dem drängt sich der Verdacht auf: Jemand hat die Zigarette aus dem Bild auf der Münze wegretuschiert. Vielleicht auf amtliches Geheiß?

Eine Nachfrage beim Bundesfinanzministerium in Berlin, das hierzulande für das Münzwesen zuständig ist. Die Antwort von dort überrascht. Dass Helmut Schmidt ein leidenschaftlicher Raucher war, sei zwar allgemein bekannt, teilt ein Sprecher mit. Die Münze zeige ihn allerdings gar nicht als Raucher, sondern ohne Zigarette, "im Dialog mit seinem Gegenüber".

Nur, in ebensolchen Dialogen, bei ebendieser Handhaltung, zwischen aneinandergelegtem Zeige- und Mittelfinger, fehlte die Zigarette eben nie. – Wo ist sie hin?

Der Mann, der die Antwort am besten kennt, arbeitet in Berlin. Bodo Broschat hat in der DDR Stahlgraveur gelernt. Er begann damit im Jahr 1975, da war Helmut Schmidt in der Bundesrepublik gerade Kanzler geworden. Broschat ist der Künstler, der den Wettbewerb um die Gestaltung der Schmidt-Münze gewonnen hat. Besonders eines, sagt er, habe ihm dabei Kopfzerbrechen bereitet. Die Sache mit der Hand des Politikers, sprich: mit dem Zigarettenhalter.

Gehört die Zigarette mit aufs Bild?

Broschat ist ein gefragter Münzgraveur. Er habe es gemacht wie immer, wenn er einen Entwurf fertige, sagt der 58-Jährige. Zuerst habe er sich intensiv mit seinem Thema beschäftigt, habe Schmidt-Biografien gelesen und Schmidt-Bilder studiert. Kein Wunder, dass er bald vor der Frage stand: Gehört die Zigarette mit aufs Bild?

Broschat hat sich, als er eine Antwort suchte, ein altes Zwei-D-Mark-Stück mit dem Porträt von Ludwig Erhard angeschaut. Bundeskanzler Erhard, der Zigarrenraucher. Ein Entwurf der Münze, auf dem auch eine Zigarre zu sehen war, sei zu jener Zeit, in den achtziger Jahren, von den Instanzen abgelehnt worden, sagt Broschat. "Ich dachte mir, wenn es schon damals bei Erhard nicht ging, wird es auch bei Schmidt heute nicht gehen."

Für den Wettbewerb hat der Künstler, wie üblich, ein Modell aus Gips eingereicht, 15 Zentimeter breit. Am kniffligsten bei einem Porträt sei immer das Augenpaar, der Blick. Da müsse er sich besondere Mühe geben, sagt Broschat. "Bei mir geht kein Pfusch raus!"

Sein Schmidt soll energisch wirken, keinesfalls arrogant. Ein Staatsmann, souverän zurückgelehnt ins Gespräch vertieft. Broschat fand es "gewagt", auch Schmidts Hand zu zeigen. Weil dies der Jury, die das Siegermotiv auswählt, vielleicht missfallen könnte. Am Ende hat er sich dann doch getraut. "Diese Handhaltung, die ich zeige, ist einfach typisch gewesen für Schmidt", sagt Broschat.

Und die Zigarette?

"Man soll sie sich dazudenken können, sie soll aber nicht zu sehen sein."

Er wolle schlicht keine Werbung fürs Rauchen machen, sagt der Künstler. Der früher selber einmal geraucht hat. Eine Schachtel pro Tag, sagt Broschat. "Ich habe vor 25 Jahren allerdings damit aufgehört."

Broschat ist stolz darauf, dass die Münze mit seinem Schmidt von nächstem Jahr an im ganzen Euro-Raum kursieren wird. In einer Auflage von 30 Millionen Exemplaren.

Bei allen, die Helmut Schmidt ein wenig gekannt haben, hat der Künstler freilich, ohne es zu wollen, den Blick vor allem darauf gelenkt, was man seiner Meinung nach nicht sehen soll.