Als Detlef K. erfährt, dass seine beiden Söhne Massenmörder sind, sitzt er in einer Kneipe auf Mallorca. Es ist kurz vor 15 Uhr am 23. Mai 2015, eine halbe Stunde noch, dann tritt sein BVB gegen Werder Bremen an. Detlef K. nimmt die Bild zur Hand, ein paar Nachrichten, die aktuellen Aufstellungen. Dann sieht er dieses Foto.

Zwei blasse junge Männer in blauen Jeansjacken schauen mit müden Augen in die Kamera, am Kinn fusseliges Barthaar, gemeinsam halten sie einen Koran und recken ihre Zeigefinger gen Himmel. ISIS feiert deutsche Terror-Zwillinge lautet die Überschrift. Im Text heißt es, sie hätten sich im Irak in die Luft gesprengt und Dutzende Menschen in den Tod gerissen. Und: Sie stammten wohl aus Kassel. "Ich saß da und dachte nur: Wollt ihr mich verarschen? Kassel? Das sind doch Kevin und Mark!", sagt Detlef K. heute

Er denkt nicht, meine Söhne sind doch keine Mörder, die würden so was niemals tun. Er glaubt nicht an eine Verwechslung oder ein falsches Foto. Detlef K. denkt in diesem Augenblick vor allem daran, dass die Bild einen Fehler gemacht hat: dass die Attentäter, seine Jungs, nicht aus Kassel kommen, sondern aus Castrop-Rauxel. So erzählt er das, zweieinhalb Jahre später.

Detlef K. ist ein sportlicher Mann, 61 Jahre alt, mit grauem Dreitagebart und schwarzer Jogginghose, in die er sein schwarzes T-Shirt gesteckt hat. Er sitzt am Esszimmertisch in dem bescheidenen gelben Reihenhäuschen, in dem sie zusammen lebten, er, seine zweite Frau und Kevin und Mark.

Die Geschichte der beiden ist untrennbar verwoben mit dem Mann, den die deutschen Sicherheitsbehörden den "Prediger ohne Gesicht" nennen, weil er in Propagandavideos stets nur von hinten zu sehen war. Ahmad Abdulaziz A., 33 Jahre alt und besser bekannt als Abu Walaa. Er soll der Mann sein, der die Ausreise der Zwillinge und knapp zwei Dutzend weiterer deutscher Staatsbürger in das Gebiet der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) organisiert hat.

Von kommendem Dienstag an müssen sich Abu Walaa und vier Männer aus seinem Netzwerk vor dem Oberlandesgericht Celle unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung und Terrorismusfinanzierung verantworten. Es ist der wichtigste Terror-Prozess der vergangenen Jahre. Für die Generalbundesanwaltschaft ist Abu Walaa der "Deutschland-Repräsentant" des IS und Kopf eines "überregionalen salafistisch-dschihadistischen Netzwerks" mit "direktem Kontakt zu Führungspersonen des IS". Auch der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, Anis Amri, verkehrte in seinen Kreisen.

Detlef K. hat lange auf diesen Tag gewartet. Er würde dem Mann, der seine Jungs verführt hat, gerne in die Augen sehen. "Aber ich werde nicht hinfahren. Ich will nichts riskieren." Detlef K. dürfte dann womöglich nicht als Zeuge aussagen. Er weiß das, er ist seit mehr als 35 Jahren Polizist. Von einem Regal in seinem Rücken lachen zwei vierjährige blonde Jungs in bunt gepunkteten Hosen auf ihn herab. Sie stemmen ihre Arme in die Hüften, trotzig und frech. Detlef K. seufzt. "Wenn man wüsste, was das später für verirrte Seelen werden, würde man sie ja nicht großziehen."

Kevin kommt im Dezember 1989 auf die Welt, ein paar Minuten früher als Mark. Ihre große Schwester ist da zwei Jahre alt, der Vater geht arbeiten, die Mutter bleibt erst mal zu Hause. Als die Zwillinge fünf sind, trennen sich die Eltern. Die Mutter bekommt das Sorgerecht, der Vater darf sie am Wochenende sehen. Wenn er sie nicht rechtzeitig zurückbringt, droht sie mit der Polizei.

Die Jungs werden größer, Gesamtschule, die Noten okay, großer Freundeskreis, zweimal die Woche Fußballtraining. Kevin geht sogar für ein paar Monate auf eine Highschool nach Kalifornien. "Ein richtiger Amerika-Fan war er." Das Leben von Mark und Kevin scheint geordnet in diesen Jahren. Aus der Perspektive des Vaters sieht das anders aus. "Sie waren irgendwie abgestumpft, haben sich ständig gestritten." Mal liest er sie auf, als sie, gerade zwölf Jahre alt, nachts auf einem Volksfest herumlaufen, allein, die Mutter ist auf einer Party. Ein andermal rufen sie ihn zu Hilfe, weil ihre Geburtstagsfeier aus dem Ruder läuft. Polizei, Krankenwagen, ein Gast kommt mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus.

Als sie 17 sind, ziehen Kevin und Mark zu ihrem Vater. Den Kontakt zur Mutter brechen sie ab. Mark macht eine Lehre zum Dachdecker, Kevin Abitur. "In dieser Zeit fing das bei Kevin an mit dem Islam", sagt Detlef K. Er habe eine türkische Freundin gehabt, ein total liebes Mädchen. Kein Kopftuch, keinen Schleier, nichts. "Aber der Kevin hat sich verändert." Erst isst er kein Schweinefleisch mehr, dann verzichtet er auf Alkohol. Lässt sich beschneiden. Liest den Koran. Geht ständig in die Moschee. Will nichts mehr aus dem Kühlschrank holen, weil da ja Mett neben der Putenbrust liegt. Verbietet seiner Freundin, Medizin zu studieren, kurze Röcke zu tragen. "Sie sollte seine Frau werden, zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern", sagt Detlef K. Irgendwann trennt sich Kevin von ihr, weil sie ihm nicht gehorcht.