Als sie kommt, sind die Fernsehteams schon da. Wahlkampf der FDP in der Fußgängerzone von Hamburg-Blankenese, das ist in diesen Tagen eine Angelegenheit von bundesweitem Interesse. Der Infostand ist dicht umlagert, nur wer genauer hinsieht, erkennt, dass hier fast ausschließlich Profis miteinander sprechen.

Katja Suding, 41, Spitzenfrau der Hamburger FDP und von Beruf PR-Beraterin, ist in vieler Hinsicht ein Medienphänomen. Sogar hier, in der Rolle der bürgernahen Politikerin am Infostand im eigenen Bürgerschafts- und Bundestagswahlkreis, bekommen ihre Wähler nur ein Abbild zu sehen. Wer diese Frau wirklich ist, das lässt sich kaum herausfinden – und das ist womöglich ganz in ihrem Sinne.

Blankenese ist ein freundliches Umfeld für die FDP, Sudings Mitstreiter am Infostand, die kurioserweise auch fast alle aus der Medienbranche kommen, strahlen vor Zuversicht. Die Umfragen geben zu den schönsten Hoffnungen Anlass, die Passanten sind nicht unfreundlich, auch wenn kaum jemand stehen bleibt, und das rege Medieninteresse bestärkt die Liberalen in ihrem Optimismus.

Nach Olaf Scholz ist Katja Suding unter den Hamburger Politikerinnen und Politikern bundesweit am bekanntesten, langjährige Berliner Abgeordnete mitgerechnet. In der Hierarchie der FDP steht sie, je nach Zählweise, an dritter oder vierter Stelle, hinter dem Vorsitzenden Christian Lindner und seinem Vize Wolfgang Kubicki, vor, neben oder hinter dem EU-Abgeordneten Alexander Graf Lambsdorff. Lindner, das sind Dreitagebart und Denkerpose, Kubicki steht für Pointen und Angriffslust und Lambsdorff für Fachkunde und Seriosität auf seinem Feld, der Europa- und Außenpolitik. Wofür steht Katja Suding?

Dies ist keine ganz unwichtige Frage angesichts der Ausgangslage vor dieser Bundestagswahl. Eine neue FDP soll in das Berliner Parlament einziehen, eine Partei, die mit den Mehr-Netto-vom-Brutto-Liberalen der Ära Westerwelle kaum mehr als den Namen gemein haben möchte. Gut möglich, dass sie demnächst regieren wird. Wer von sich sagen könnte, er verstehe Katja Suding, der wüsste womöglich auch diesen angeblich neuen Liberalismus einzuordnen.

Katja Suding ist die Frau, die 2011 die FDP zurück in die Bürgerschaft geführt hat. Sie hat die zerstrittenen Hamburger Liberalen geeint – wobei es half, dass ihre Widersacher die FDP verließen und eine Gegenpartei gründeten – und sie hat die neun Bürgerschaftsmandate der FDP 2015 verteidigt, als die Liberalen nach dem Verlust ihrer Bundestagsmandate um ihr Überleben kämpften. So gesehen steht sie für Erfolg. Und sonst?

"Die Leute", sagt sie, "glauben, dass sie alles Mögliche über mich wissen. In Wahrheit gebe ich nur sehr wenig über mich preis."

In Wahrheit gebe ich nur wenig preis: Für Sudings Verhältnisse ist die Betonung, die sie diesem Satz verleiht, schon fast ein Gefühlsausbruch. Eine Begegnung mit ihr kann einer Unterhaltung mit dem iPhone-Algorithmus Siri ähneln: Sie stellt Information zur Verfügung, bleibt aber selbst unnahbar. Erlebnisse, Anekdoten, Emotionen, all diese Authentizitätsbelege, die politische Medienprofis oft so bereitwillig einstreuen – Katja Suding kommt ohne sie aus. Daran ist nichts zu kritisieren, nach einem Treffen bleibt allerdings das Gefühl zurück, dass man auch ein FDP-Programm hätte studieren können.

Die Abschaffung der Mietpreisbremse soll die Mieten senken. Die FDP will vor allem Geringverdiener entlasten – unmöglich zu sagen, ob sie das wirklich glaubt.

So geht es auch anderen mit ihr. "Vieles wirkt angelesen" – so drückt es ein konservativer Bürgerschaftsabgeordneter aus.

Katja Sudings zurückhaltendes Auftreten steht in überraschendem Gegensatz zu ihrem Image als politische Königin der Klatschpresse. Dort ist sie in der Tat präsent, an übertriebenem Mitteilungsbedürfnis ihrerseits liegt das allerdings nicht. "Optisch ist sie eine Steilvorlage für den Boulevard", sagt ein Hamburger PR-Profi, wobei Ehrgeiz und Führungsanspruch aus seiner Sicht Teil des Bildes sind. In Hamburg gilt Suding als A-Prominenz, bundesweit fällt sie in die Kategorien B oder C, vom kommenden Sonntag an sicherlich in B. Wer so eingeordnet wird, muss sein Privatleben verteidigen, und das hat sie über die Jahre sehr erfolgreich getan.

"Drei Engel für Lindner": Die Fotos zeigen Posen, das Interview handelt von Politik

Eine Trennung, ein neuer Lebensgefährte, früher ist sie morgens gejoggt und hat Müsli gefrühstückt – der durchschnittliche Facebook-Nutzer verrät binnen weniger Tage mehr über sich, als sie in sieben Jahren offenbart hat. In der Zeitschrift Gala erschien ein gemeinsames Interview mit zwei weiteren FDP-Politikerinnen unter der Überschrift Drei Engel für Lindner. Die Fotos zeigen Posen, das Interview aber handelt fast ausschließlich von Politik. Noch heute, sagt sie, werde sie darauf von Leuten angesprochen, die das Gespräch beim Friseur gelesen hätten.