Kann man den Weltzustand treffender beschreiben als mit diesen Sätzen? Der "Harmonieglauben der Aufklärung" verschwindet und damit das Vertrauen in die Macht der göttlichen Vernunft. Die Zivilisation droht ihre "Balance" zu verlieren und sich dem "Sog der Selbstzerstörung" zu überlassen. In der "Abgrundgemeinschaft" der Enttäuschten treten die mythischen Anteile des Menschen hervor – das Dunkle und Dämonische, Feindschaft und namenloser Hass, kurz: all das, was die Aufklärung nicht sehen wollte, die Feier des Lichts und des Morgens und der Zuversicht.

Die Sätze stammen von dem Religionsphilosophen Klaus Heinrich; sie sind über 50 Jahre alt und finden sich in seinem berühmten Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen. Das Buch war ein akademischer Skandal, an Heinrichs Berliner Institut soll es fast zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Der Grundgedanke lautete: Wer Nein sagt, der zerreißt eine symbiotische Bindung, und wie das heranwachsende Kind muss der Neinsager nun eine Balance finden zwischen Einssein und Entfremdung. "Das Ich-Selbst ist niemals es selbst oder nicht es selbst, sondern die Herstellung einer Identität von beidem." Scheitert die Balance, beginnt das Leiden an der Zerrissenheit, und dann wächst im Menschen, dem "kranken Tier", das Verlangen nach einer Rückkehr ins Alte. Es ist wieder ein Nein, aber dieses Nein ist regressiv und selbstzerstörerisch.

In der Geschichte der Zivilisation, so lautete Heinrichs Pointe, war es genau so. Die Lehre der jüdischen Propheten – und später das Evangelium der Christen – formulierte das erste große Nein der Geschichte, ein subversives Nein gegen die griechische Philosophie. Die Propheten sagten nicht Opfer, Kosmos oder Schicksal; sie sagten "Bundesgenossenschaft" und Gerechtigkeit. Und während die Philosophen glaubten, sie könnten das reine Sein vom unvollkommenen Sein abspalten, so glaubten die Monotheisten das nicht. Sie wollten die unreinen mythischen Mächte brechen, ohne sie zu verleugnen. Für Heinrich besteht darin der Realismus der Religion, denn sie weiß: Wenn die Balance zwischen Mythos und Vernunft misslingt, dann siegen die Ursprungsmächte über die Bundesgenossenschaft – Gewalt, Rache, Hass.

Klaus Heinrich, 1948 einer der Mitbegründer der FU Berlin, ist ein Genie der freien Rede, in einem Akt singulärer Konzentration spricht er absolut druckreif, ohne Manuskript, ohne eine einzige Notiz, selbst die verschlungensten Zitatkaskaden kennt er auswendig. Als die faszinierten Studenten Tonbandgeräte aufstellten, wehrte Heinrich sich und wollte die Würde des vergänglichen Wortes bewahrt sehen. Schließlich willigte er ein, und wenn der Stroemfeld Verlag seine Dahlemer Vorlesungen vollständig veröffentlicht haben wird, umfasst die monumentale Edition 40 Bände.

Auf eine neue Zeitdiagnose sollte man nicht warten, die alte bewahrheitet sich gerade. Heinrich sieht das Ende des neolithischen Zeitalters heraufziehen; die Globalisierung löse die Ordnung von Zeit und Raum auf, und etwas Uraltes kehre zurück: Unsicherheit und Chaos. Wenn es nicht gelinge, einen Ausgleich herbeizuführen, eine neue Balance inmitten der globalen Zerrissenheit, dann triumphiere die Regression, oder wie zu ergänzen wäre: Dann gehört die Demokratie der Vergangenheit an. – In diesen Tagen feiert Klaus Heinrich seinen 90. Geburtstag.