Während die Deutschen noch nicht fertig sind mit dem Wählen, wird die Kanzlerin bereits das Ergebnis kennen. Am kommenden Sonntag gegen 16 Uhr, zwei Stunden bevor die Wahllokale schließen, wird Angela Merkel eine SMS mit vielen Zahlen erhalten: die Ergebnisse der Nachwahlbefragung. Alle Parteien haben Meinungsforscher beauftragt, mit Wählern zu sprechen, nachdem diese abgestimmt haben, um daraus das Ergebnis hochzurechnen. Zuletzt lagen die Zahlen dieser exit polls immer nah am tatsächlichen Ergebnis. Auch Martin Schulz wird so eine SMS bekommen, ebenso wie die Spitzenleute aller anderen Parteien.

In den Minuten danach beginnt politisches Blitzschach. Unter hohem Zeitdruck müssen Entscheidungen getroffen werden: Wer kann mit wem, und wer steht im Weg? Wer kann mit wem? Alles hängt mit allem zusammen: Je schlechter die CDU abschneidet, desto besser wird die SPD ihr Ergebnis verkraften. Je schlechter die SPD abschneidet, desto lieber wird sie in die Opposition gehen und desto wahrscheinlicher wird eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen. Je besser die FDP und je schlechter die Grünen abschneiden, desto unwahrscheinlicher wird Jamaika werden, weil die Grünen kaum nur als Anhängsel mitregieren wollen.

UNION: Wen ruft Merkel als Erstes an?

Anders als vor vier Jahren erwartet die CDU diesmal Verluste. Fest steht: Der erste Parteichef, den Merkel anruft, wird Horst Seehofer von der CSU sein. Erst danach begibt sich Merkel ins Konrad-Adenauer-Haus, die CDU-Parteizentrale. Im fünften Stock versammelt sich das Parteipräsidium.

Wie stark ist die Kanzlerin noch?

Die CDU wird stärkste Kraft sein und damit ihr wichtigstes Wahlziel erreicht haben, aber "Gemurre wird es auf alle Fälle geben", wie ein hochrangiger CDUler sagt. Er spricht aus Erfahrung: Allseitige Zufriedenheit kam noch nie auf, seit Merkel über die CDU herrscht. Die Lautstärke des Gemurres wird vor allem davon abhängen, ob die AfD neun oder 16 Prozent hat. Merkels Problem: Es wird schwerfallen, aufkommenden Unmut mit politischen Inhalten zu dämpfen. Alle einschlägigen Gesetzesverschärfungen auf den Gebieten der inneren Sicherheit oder der Flüchtlingspolitik sind schon beschlossen worden.

Welche Koalition hätte Merkel gern?

Wenn es für Schwarz-Gelb reicht, könnte die CDU mehr Minister stellen als in den Fällen Jamaika oder GroKo; programmatisch wäre man nah beieinander. Es wird allerdings geraunt, Merkel habe nach 2009, nach Dauerstreit und persönlichen Animositäten zwischen CSU- und FDP-Leuten, keine Lust auf Schwarz-Gelb. Eher auf Schwarz-Grün, hört man. Ist nur nicht sehr wahrscheinlich. Und Jamaika? Grüne und FDP liegen in der Klima- und der Europapolitik weit auseinander, eine Regierung mit vier Parteien brächte viel Streit und hohen Abstimmungsbedarf mit sich – und wenig Belohnung: Alle Ministerien und Posten müssen durch vier geteilt werden. Also doch wieder GroKo? Intern hat Merkel signalisiert, dass sie sich eine dritte Partnerschaft mit der SPD durchaus vorstellen kann. In der Woche nach der Wahl wird sie allerdings erst einmal allen Parteien außer der AfD Gespräche anbieten.

Was will die CSU?

Am Montagabend wird Horst Seehofer sich in Ingolstadt in seinen Dienstwagen setzen und nach Berlin aufbrechen. Am Dienstag tagt die CSU-Landesgruppe, danach trifft sich die neue Fraktion von CDU und CSU. Da ist Schwieriges zu beraten, denn beide wahrscheinlichen Koalitionen – GroKo und Jamaika – sind für die CSU ein Problem. Seehofer muss 2018 die absolute Mehrheit in Bayern verteidigen, die längst nicht mehr so üppig ist. Eine große Koalition in Berlin könnte die AfD in Bayern stärken. Müsste die CSU in Berlin hingegen auf einmal gemeinsam mit den Grünen regieren, wäre die absolute Mehrheit in Bayern ebenfalls bedroht, nur von der anderen Seite. Seehofer wird daher die Differenzen mit den Grünen hervorheben: Steuererhöhungen, ein fixiertes Aus für den Verbrennungsmotor, mehr Schulden – das alles sei mit der CSU nicht zu machen. Intern wird etwas anders diskutiert und darauf geschaut, wer bei den Grünen das Sagen hat. Mit einem Cem Özdemir werde man Kompromisse aushandeln können, wird es heißen. Aber ob der die Kraft habe, "die linke Hofreiter-Riege" in Schach zu halten?

Wohin mit den verdienten Parteifreunden?

Wenn die CSU – wie erwartet – Joachim Herrmann als Innenminister nach Berlin schickt, beginnt in der CDU das große Stühlerücken. Dann ist für den bisherigen Amtsinhaber Thomas de Maizière kein Platz mehr. Auch Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble gelten als Wackelkandidaten. Die eine, weil sie die Bundeswehr gegen sich aufgebracht hat; der andere muss damit rechnen, dass jeder infrage kommende Koalitionspartner das Finanzministerium für sich beansprucht.

Die künftige Rolle Schäubles ist eine Variable, seine Bedeutung eine Konstante in Merkels Kalkül. Die Kanzlerin will ihn halten. Schäuble war der populärste Minister im Kabinett und ist für den konservativen Flügel der Union eine zentrale Identifikationsfigur. Und Merkel braucht ihn für die Pädagogik: Der französische Präsident Emmanuel Macron drängt auf weitreichende Reformen der Währungsunion. Die Kanzlerin ist bereit, Macron zumindest teilweise entgegenzukommen, auch wenn das deutsches Geld kostet. Schäubles Aufgabe wäre es, das den skeptischen Deutschen zu vermitteln. Was Merkel nicht sagen wird: Solange sie Schäuble an ihrer Seite hat, muss sie Jens Spahn nicht fürchten.

Wer bekommt die guten Jobs?

Zum Beispiel: Fraktionschef. Mit dieser Frage fängt die Suche in allen Bundestagsparteien an, denn als Erstes konstituieren sich die Fraktionen. In der CDU steht diese Antwort ziemlich fest: Peter Altmaier wäre zwar gerne Fraktionsvorsitzender, aber besonders im Fall einer Jamaika-Koalition käme ihm der Verdacht in die Quere, er sei zu grünenfreundlich. Volker Kauder, der bisherige Vorsitzende, will dies außerdem gern bleiben, und das wäre Merkels Getreuem schwer zu verwehren.

Sodann muss jemand Bundestagspräsident werden, protokollarisch das zweitwichtigste Amt der Republik. Es wird mit der AfD im Parlament einen Bedeutungszuwachs erleben. Könnte was für Schäuble sein. Doch wer auch immer infrage kommt, er oder sie muss seine Entscheidung fällen, bevor feststeht, ob vielleicht auch die Aussicht auf einen Kabinettsposten besteht, denn die Ressorts werden in den Koalitionsverhandlungen erst am Ende besetzt. Der Bundestagspräsident muss aber spätestens 30 Tage nach der Wahl sein Amt antreten.